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PT-Magazin - Ausgabe 1•2 2022

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12 Gesellschaft 13 © HTTPS://UPLOAD.WIKIMEDIA.ORG/WIKIPEDIA/COM- MONS/7/76/SHANGHAI_CHINA_5196844.JPG China auf dem Weg zur technologischen Supermacht Kann eine totalitäre Gesellschaft zu einer führenden Wissenschaftsnation werden? Chinesischer Hochgeschwindigkeitszug CRH2 im Bahnhof Shanghai-Hongqiao Im frühen 17. Jahrhundert ging aus dem lange so dunklen Kontinent Europa eine der bedeutendsten Revolutionen des menschlichen Geistes hervor: die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens. Der aus ihr hervorgegangene technologische Fortschritt ließ Europa zum Wissenszentrum der Moderne werden – und damit nicht zuletzt zur unumstrittenen ökonomischen und militärischen Weltmacht. Sie führte aber noch zu zwei weiteren bedeutenden Entwicklungen: Erstens erfreuen sich die Europäer (und ihre geistigen Kinder, die US-Amerikaner) heute eines Wohlstandes, der die größten Hoffnungen früherer Generationen längst übertroffen hat, zweitens leben die meisten Menschen in Europa (Ausnahmen: Russland, Weißrussland, teils Ungarn und Polen) in einer anti-totalitären und demokratischen Gesellschaft. Philosophen, Historiker und Soziologen erkennen hier einen in beiden Richtungen wirkenden kausalen Zusammenhang, vom Erfolg des wissenschaftlichen Denkens zur Entwicklung einer „offenen Gesellschaft“, die, wie Karl Popper sagte, zum Ziel hat, „die kritischen Fähigkeiten des Menschen“ freizusetzen, und umgekehrt, die offene Gesellschaft, die auch das freie wissenschaftliche Denken immer weiter fördert. Popper war der erste, der diese Interdependenz explizit hervorhob. Kernvoraussetzung der Wissenschaft ist die Freiheit von Fremdbestimmung, diese Freiheit hängt andererseits von der permanenten Infragestellung der Prinzipien der Machthaber ab, für die Wissenschaft der erste Garant ist. Wie sehr sehnt sich jeder totalitäre Autokrat nach einer Welt ohne vermeintlich lästige Experten, ohne kritische Geister, ohne unabhängig denkende Wissenschaftler. Eine offene Gesellschaft ist immer eine kritische Gesellschaft, und eine kritische Gesellschaft muss immer offen sein. PT-MAGAZIN 1 • 2 2022 PT-MAGAZIN 1 • 2 2022 Der nach 1650 mit immer schnellerer Schlagzahl erfolgte Ausbau unseres Wissens über die Welt, die sich daraus ergebenden, die Lebensbedingungen der Menschen immer weiter verbessernden Technologien und die Umwälzung der europäischen Länder zu offenen Gesellschaften waren die Ernte, die eingefahren wurde, als sich die Tugenden des wissenschaftlichen Denkens unter den Gelehrten Europas fest etabliert hatten. Die wesentlichen davon sind der methodische Zweifel und die damit einhergehende Abkehr von Dogmen. Die Wissenschaft untergrub allumfassende Welterklärungsmodelle und totalitäre Theorien und stellte damit auch die Legitimation der bestehenden geistigen und politischen Führerschaften infrage. Newtons Gesetze wurden nicht ohne Zufall zum Türöffner ins Zeitalter der Aufklärung. Auch ließen sie sein Land zu einer führenden Wissenschaftsnation werden, umgekehrt verlor Deutschland in den 1930er Jahren, als seine Wissenschaftler dem totalitären Land den Rücken zukehrten, seine langjährige Führung als Wissenschaftsmacht. Die optimale Entfaltung der wissenschaftlichen Kräfte und der daraus entstehenden Super-Technologien waren historisch bislang nur in offenen Gesellschaften möglich, in denen die Regierungen ihre Macht nicht zum Zweck des Erhalts ihrer selbst missbrauchen und den Menschen somit nicht vorgeben konnten, was sie zu denken und auszusprechen haben. Doch stellt sich die Frage: Gibt es erfolgreiche Wissenschaft generell nur in einer offenen, demokratischen und die Menschenrechte schützenden Gesellschaft? Man ist geneigt, diese Frage zu bejahen. Wissenschaft und Ingenieurwesen erfordern freies und von außen nicht beschränktes Denken, ihre erfolgreichsten Vertreter sind Menschen, die sich ungern etwas sagen lassen. Diese Voraussetzungen bieten nun einmal nur offene Gesellschaften. Spätestens an dieser Stelle fällt der Blick auf China. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass dieses Land eine offene, demokratische Gesellschaft darstellt. Die Zensur der Meinungsäußerung durch das autoritäre Regime, die Überwachung der Menschen mit Hilfe moderner Technologien, die Verfolgung ethnischer Minderheiten und die Verletzung universeller Menschenrechte machen China nach jeder möglichen Definition zu einer totalitär regierten Gesellschaft. „Xi Jinping ist der größte Feind der offenen Gesellschaft“, sagt einer der Hauptadvokaten Poppers und seiner offenen Gesellschaft heute, der Investor und Philanthrop Georg Soros. In den Augen vieler westlicher Beobachter stellt China zugleich aber auch eine Gefahr für westliche Demokratien dar. Der Grund: Das Land entwickelt sich zu einer technologischen Supermacht, und dies nicht nur auf dem Feld der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen, wo es einfach nur die im Westen entwickelten KI-Algorithmen anwenden musste und dann aufgrund nicht vorhandenerer Datenschutzgesetze einen natürlichen Vorteil besitzt, sondern auch auf anderen Gebieten wie Bio- und Gentechnologien, Quantentechnologien und neuen Energietechnologien wie z.B. der Kernfusion. In all diesen Bereichen dem Westen gegenüber lange hoffnungslos im Hintertreffen gelegen hat China unterdessen aufgeschlossen. Nun ist die technologische Entwicklung nicht unbedingt das gleiche wie die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung. Bei ersterer geht es um die Gestaltung neuer konkreter industriellen Produktions- und Verarbeitungsverfahren auf der Basis technologischer Ideen und Erfindungen sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen, bei letzterer um neue Aspekte und Details unseres Weltund Naturverständnisses. Die Ergebnisse ersterer sind zumeist urheberrechtlich geschützt, die letzterer frei und schnell universell zugänglich. Und bereits 1938 warnte der Soziologe Robert Merton davor, den Wert der Wissenschaften neben politischer Angemessenheit auch nicht nach ihrem ökonomischen Nutzen zu taxieren. Gerade in der Wissenschaft zeigte China seit 400 Jahren Jahre eine massive Unterlegenheit, was die Beziehung zwischen offenen Gesellschaften und erfolgreicher Wissenschaft zu bestätigen scheint. So wurden seit der Einführung der Nobelpreise im Jahr 1901 bis heute 616 Naturwissenschaftler mit diesem höchsten Preis der Wissenschaften ausgezeichnet (215 in Physik, 179 in Chemie, 222 in Medizin). Die Bilanz chinesischer Wissenschaftler ist dabei ernüchternd: • Gerade einmal eine einzige Person, die einen wissenschaftlichen Nobelpreis erhielt (die Frau Tu Youyou, 2015 für Medizin), stammt aus China, wurde dort ausgebildet, forschte dort und hielt zum Zeitpunkt der Nobelpreisverleihung die chinesische Staatsbürgerschaft. • Die Physik-Nobelpreisträger Chen Ning Yang und Tsung-Dao Lee (1957), Daniel C. Tsui (1998) und Charles Kao (2009) wurden zwar auf dem Gebiet der heutigen Volksrepublik China geboren, erhielten jedoch ihre Ausbildungen und forschten später in den USA und England. Als sie den Preis erhielten, waren sie längst alle Staatsbürger ihrer jeweiligen Wahlheimat. • Yuan T. Lee, 1986 ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Chemie, wurde im heutigen Taiwan geboren, wurde u

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