Aufrufe
vor 11 Monaten

PT-Magazin 5 / 2021

  • Text
  • B2b
  • Mittelstand
  • Wwwptmagazinde
  • Industrielle
  • Toulouse
  • Stadt
  • Wettbewerb
  • Unternehmer
  • Zeit
  • Mitarbeiter
  • Wirtschaft
  • Forschung
  • Unternehmen
PT-Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft Die Top-Themen: • Haiti - Ein interessanter Partner für deutsche Unternehmen? • Retro-Marketing - Eine Aufwertung der Erinnerung • Ashgabat, Turkmenistan ist die teuerste Stadt weltweit. Hongkong folgt • Controlling in der versus für die industrielle Forschung - ein Vergleich

60 Wirtschaft Beirat in

60 Wirtschaft Beirat in einem Familienunternehmen – Bremsklotz oder Erfolgsfaktor? © Katharina Francis Ein Gespräch mit Herrn Josef Chr. Kainz, Direktor in der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich AG und anerkannter Finanzierungsexperte für den deutschen Mittelstand, über die Fragestellung, warum sich ein Beirat gerade in Familienunternehmen lohnt. Weil sich mittelständische Unternehmen, insbesondere Familienunternehmen, in Strukturen und bei Strategien von z.B. kapitalmarktorientierten Unternehmen wesentlich unterscheiden, müssen sie anders organisiert, geführt und auch kontrolliert werden. Ein Beirat kann dabei wesentlich unterstützen und somit helfen, den Unternehmenserfolg langfristig zu sichern. OPS: Herr Direktor Kainz, nun ranken sich viele, schon fast geheimnisvolle Mythen um die Funktionen von Aufsichts- oder Beiräten und deren Mitgliedern. Die landläufige Meinung ist, dass es sich eher um ein Gremium „altgedienter Herren und Damen“ handelt, die sich nur ungern der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschäftsführung und/oder den Gesellschaftern stellt und zumeist, mehr oder weniger, alles ziemlich unreflektiert abnickt. Was halten Sie persönlich von solchen Anschauungen? Kainz: Bevor ich auf den zweiten Teil Ihrer Frage eingehen möchte, lassen Sie mich zunächst den Unterschied zwischen Beirat und Aufsichtsrat erklären. Ein Beirat ist Beratungsgremium, welches der Geschäftsführung auf Grundlage eines Gesellschafterbeschlusses oder einer Satzung beratend zur Seite gestellt wird. Dennoch könnten einem Beiratsgremium aber auch weitergehende Rechte eingeräumt werden, z.B. die Geschicke der Geschäftsführer zu kontrollieren. Wenn ein solches Aufsichtsgremium aufgrund einer gesetzlichen Pflicht, z.B. aufgrund der Firmierung als Aktiengesellschaft, aus Mitbestimmungsgründen oder aufgrund der Umsatzgröße geschaffen werden muss, bezeichnet man dieses Organ auch als Aufsichtsrat. Der Aufsichtsrat ist z.B. zuständig für die Einstellung und Entlassung der Vorstände. Außerdem schreibt das Gesetz auch vor, was der Vorstand genau an den Aufsichtsrat zu berichten hat. Vom Mythos der „ahnungslosen Aufpasser“ halte ich übrigens überhaupt nichts, auch wenn es aktuell bekannte Skandale gibt, auch große DAX-Unternehmen betreffend, in denen der Aufsichtsrat zurecht im Fokus der Öffentlichkeit UND der Staatsanwaltschaft steht. Da stelle ich tatsächlich die nötige Kompetenz und Unabhängigkeit in Frage. Letztlich ist aber die Qualifikation der Beirats- und Aufsichtsratsmitglieder entscheidend, denn grundsätzlich sind die komplexen Anforderungen an die Gremiumsmitglieder im Zuge der Corona-Krise, Globalisierung, Digitalisierung sowie den Themen Sustainable Finanance, Corporate Social Responsibility (CSR) und Environment, Social, Government (ESG) stetig und exponentiell angestiegen. OPS: Was veranlasst denn Unternehmen einen Beirat zu implementieren? Kainz: Ein wichtiger Aspekt ist die Governance, also der rechtliche und faktische Ordnungsrahmen für die Leitung und Überwachung von (Familien-)Unternehmen. Mit der Einrichtung eines Beirats muss dann die Geschäftsführung neben den Gesellschaftern auch an den Beirat berichten. Zudem kann der Beirat, je nach definiertem Aufgabengebiet, aktiv auf die Geschäftsführung einwirken und interessenswahrende Ziele für das Unternehmen verfolgen. Welche konkrete Funktion ein Beirat übernimmt, hängt natürlich auch von den jeweiligen Anforderungen, Herausforderungen und Zielen des (Familien-) Unternehmens ab. Der Beirat kann durch seinen Blick von außen Betriebsblindheit verhindern, den „blinden Fleck“ sichtbar machen, neue Wege aufzeigen und natürlich auch das Risiko von Fehlentscheidungen im Unternehmen verringern. Qualifizierte Beiräte unterstützen und begleiten die nachfolgende Generation bei der Übernahme neuer Verantwortungsbereiche und sind auch Türöffner zu neuen Kunden und Lieferanten. Ein professioneller Beirat, der das Vertrauen aller Gesellschafter genießt, kann Kraft seiner Autorität zwischen Streitigkeiten im Gesellschafterkreis moderierend vermitteln und mitunter sogar als Schiedsrichter agieren. OPS: Über welche Qualifikationen und Eigenschaften sollte ein Beiratsmitglied verfügen? Kainz: Ein Beiratsmitglied braucht fachliche und soziale Kompetenz sowie insbesondere charakterliche Stärke und sollte sich als Teamplayer sehen. Ein Beirat sollte unbedingt eine Vertrauensperson für die Gesellschafter bzw. für die Familie sein und ein hohes Maß an Verständnis für Finanz- und Marktthemen mitbringen. Grundsätzlich sollte jedem Beiratsgremium auch ein ausgewiesener Finanzexperte angehören. Dies hängt auch damit zusammen, dass die Anforderungen an das Thema Finanzierung und Bilanzierung immer höher werden. Und er muss auch die nötige Zeit und PT-MAGAZIN 5 2021

61 PT-MAGAZIN 5 2021 Freude für das Mandat aufbringen, denn „wenn schon Beirat, dann richtig“! OPS: Gibt es aus Ihrer Sicht einen Tipp für die ideale Zusammensetzung des Beitrags und Anzahl der Beiratsmitglieder. Kainz: Meines Erachtens sollte ein Beiratsmitglied niemals in einem persönlichen oder wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis zum Unternehmen stehen. Damit schließe ich beispielsweise den Hausjuristen, den mandatierten Wirtschafsprüfer oder auch den Vertreter der eigenen Hausbank per se aus, denn sie üben ja bereits eine andere Funktion im Unternehmen aus und sind somit mehr oder weniger befangen. Ähnlich kritisch sehe ich übrigens die Berufung von Freunden und Verwandten in einen Beirat. Sowohl die Qualität einer professionellen Beiratsarbeit als auch die Freundschaft könnten mittel- bis langfristig darunter leiden. Jeder Beirat ist letztendlich nur so gut wie seine Mitglieder selbst. Abhängig von Aufgabenstellung und auch Umfang werden Beiräte meist aus drei oder fünf Personen gebildet. Zur Vermeidung von Pattsituationen empfehle ich in jedem Fall eine ungerade Zahl an Beiratsmitgliedern zu berufen Von mehr als fünf Personen würde ich aus Effizienzgründen abraten. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass die Zeit und die Abstimmung für die Sitzungstermine und auch die Diskussionsführung in überschaubarer Besetzung vielmals schneller und effektiver ist. OPS: Welche Bedeutung hat für Sie als Banker die Existenz oder die geplante Einrichtung eines Beirats? Kainz: Für das Unternehmensrating spielen neben den quantitativen Daten aus dem Jahresabschluss auch qualitative Fakten, also die „weichen Faktoren“ eine wichtige Rolle. Bei den Softfacts analysieren Banken die Erfolgsfaktoren, die für die zukünftige Unternehmensentwicklung wichtig sind. Die Existenz eines Beirats wird somit seitens Banken grundsätzlich positiv gesehen. OPS: Herr Kainz, Sie verfügen sowohl in der Beratung für Corporates als auch in der Beiratsarbeit über eine ausgewiesene Expertise. Was empfehlen Sie interessierten Unternehmern, die sich aktuell mit Thema Beirat befassen, hinsichtlich weiterer Schritte bzw. gibt es Ihrerseits auch persönliche Empfehlungen? Kainz: Eine Empfehlung aus seriöser Quelle sollte natürlich immer erste Wahl sein. Es gibt Experten, die sich professionell mit der Beiratssuche befassen und somit auch zielgerichtet und profund auswählen. Selbstverständlich stehe aber auch ich für jedes Unternehmen, die Antworten für die Besetzung eines Beirats oder dem Prozessverlauf suchen, sehr gerne beratend zur Verfügung. Ich freue mich über jede Kontaktaufnahme – gerne über LinkedIn, per Email j.kainz@rlbooe.de, oder auch telefonisch. OPS: Herr Direktor Kainz, ich danke Ihnen für unseren fachlichen Austausch. ó

Jahrgänge