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PT-Magazin 1-2 2021

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Ermutigung.

62 Wirtschaft Töchter

62 Wirtschaft Töchter führen Familienunternehmen Wie Frauen die Unternehmensnachfolge erfolgreich meistern. Jessica Mader wird in rund zwei Jahren das mittelständische Familienunternehmen, die in Freiberg ansässige Steyer Textilservice GmbH mit rund 275 Mitarbeitern, in der dritten Generation übernehmen. Dass sie sich für den herausfordernden Schritt entschieden hat, hat viel mit ihrem Opa, dem Gründer des Unternehmens zu tun: Die Werte, die er ihr vermittelt hat und das Herzblut, das er in seine Firma gesteckt hat, waren für sie sehr prägend. Das Unternehmen war von klein auf Teil ihres Lebensweges: als Enkelkind durfte sie im Betrieb spielen und später erlebte sie, wie ihre Mutter übernahm: Der Wunsch, nachzufolgen, reifte über die Jahre in ihr. Während und nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften lernte die heute 32-Jährige auch andere Betriebe kennen. Mit der Erfahrung im Rücken fühlte sie sich vor zwei Jahren gewappnet für ihre erste Schlüsselrolle als Serviceleiterin im Familienbetrieb, mit der Option, schrittweise immer mehr Aufgaben der Eltern zu übernehmen. Frauen führen anders War in der Vergangenheit die weibliche Nachfolge eher ein Ausnahmefall, ergreifen heute mehr junge Frauen die Chance, im Familienunternehmen ihren Weg zu machen. Der Frauenanteil bei Übernahmen liegt aktuell bei gut 25 Prozent, wie Studien des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn belegt haben. So wie Jessica Mader können viele Frauen ihren männlichen Kollegen längst das Wasser reichen. Neben den meist überdurchschnittlich guten Abschlüssen, sowohl in technischen als auch betriebswirtschaftlichen Studiengängen, verfügen sie über mentale und emotionale Stärke. Im betrieblichen Alltag werden ihr großes Organisationstalent und ihre intuitiven Fähigkeiten vor allem im zwischenmenschlichen Bereich spürbar. Ihnen liegt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in einem harmonischen Umfeld mit zufriedenen motivierten Mitarbeitern am Herzen. Gut geplante Tandemlösung Die Mitarbeiterführung und die damit verbundene Verantwortung ist nur eine von vielfältigen Herausforderungen, die auf die Nachfolgerin zukommen. Viele haben auch Respekt davor, in naher Zukunft alles allein entscheiden zu müssen. Umso wichtiger ist ein gut organisierter Nachfolgeprozess mit einer einvernehmlichen Gestaltung des Verantwortungsübergangs: Je nach Größe des Unternehmens und der Komplexität des Aufgabenbereiches sollte das Tandem gemeinsam die Geschäfte führen, bevor © LBG Rehberg mbH die komplette Übergabe nach zirka zweibis fünf Jahren erfolgen soll. Auch für die Eltern fällt der Schritt, ihr Lebenswerk loszulassen, mitunter schwer. Es kann schmerzhaft sein, wenn die Tochter Dinge vielleicht anders angehen oder andere Akzente setzen will. Sich professionelle Hilfe für die menschliche Seite und die psychologischen Aspekte der Nachfolge zu holen, wird oft vernachlässigt. Damit Konflikte zwischen beiden Parteien erst gar nicht entstehen, ist es sinnvoll, den Veränderungsprozess frühzeitig kompetent begleiten zu lassen: Als neutraler Coach setze ich mich mit den Parteien an einen Tisch und versuche, die Perspektiven in Einklang zu bringen: Wie wird die Zusammenarbeit erlebt? Inwie- PT-MAGAZIN 1-2 2021

63 PT-MAGAZIN 1-2 2021 fern untergräbt es die Autorität der Tochter, wenn der Vater morgens immer noch auf dem Chefsessel sitzt? Wie wirkt sich das auf die Belegschaft aus? Das sind zum Beispiel Fragen, denen ich auf den Grund gehe und die zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Im nächsten Schritt gilt es, Lösungen zu finden, die für beide Seiten akzeptabel sind. Wichtig ist, klare Vereinbarungen bezüglich der Tandem-Zusammenarbeit und des Endzeitpunkts für die Übergabe zu treffen. Belastende Doppelrolle Angesichts bestehender Traditionen und gesellschaftlicher Rollenbilder verzichteten in früheren Generationen viele Frauen auf die Doppelrolle „Unternehmerin und Mutter“. Die heutige Generation will tendenziell beides vereinbaren. Dennoch neigen organisationsstarke Nachfolgerinnen oft dazu, zu viel auf einmal managen zu wollen. Zusätzlich tragen sie meist die Hauptlast bei Familienaufgaben. Diese herausfordernde Doppelrolle kann auf Dauer zu Überlastung und Krankheit führen. In meinem Coaching lernen Nachfolgerinnen, ihre Rolle zu reflektieren und sich den Grenzen ihres Verantwortungsbereichs bewusst zu werden. Ich ermutige Frauen dazu, sich zu emanzipieren, ohne dabei ihre Weiblichkeit zu verlieren. Bei der Personalführung sollte sich die neue Firmeninhaberin dann auch klar positionieren und den Mitarbeitern vermitteln: „Ich gehe einen anderen Weg als meine Eltern, und es ist eure Entscheidung, ob ihr diesen Weg mitgehen wollt oder eure Zukunft in einem anderen Unternehmen seht.“ Für mich bedeutet gutes Coaching, die Nachfolgerin auf ihrem Weg zu stärken und zu notwendigen Veränderungen zu ermutigen. Ein Kulturwandel könnte zum Beispiel sein, die Führungsebene wesentlich stärker in Entscheidungen einzubeziehen. Auch individuelle Themen spielen dabei eine Rolle, zum Beispiel: Wie kann ich meine Arbeit im Einklang mit meinen persönlichen Zielen gut bewältigen? Welche Vertreterregelungen brauche ich, wenn ich aufgrund der Kindererziehung zeitweise beruflich kürzer treten muss? Wie gehe ich mit meinem schlechten Gewissen in meiner Doppelrolle um? Beim Coaching geht es darum, sich der eigenen Werte bewusst zu werden und sie im Arbeitsalltag erlebbar zu machen. Wenn Töchter die Nachfolge des Familienunternehmens gut meistern und damit glücklich und erfolgreich sind, werden sie auch für andere Frauen in ähnlichen Situationen ein Mut machendes Vorbild sein. Der neuen Generation von Unternehmensleiterinnen gelingt es meist sehr gut, sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Menschlichkeit im Arbeitsumfeld miteinander in Einklang zu bringen und damit eine zeitgemäße Kultur der Zusammenarbeit zu entwickeln. ó Ulrike Lange Über die Autorin ist seit 25 Jahren als Führungskräftetrainerin und Systemischer Coach deutschlandweit tätig. Auf Basis ihrer langjährigen Führungserfahrung sind ihr die Stärkung der weiblichen Aspekte im Führungsalltag und die Begleitung von Unternehmensnachfolgerinnen in den letzten Jahren zur Herzensangelegenheit geworden. Systemische Fragen im Coaching Systemische Fragen im Rahmen des Übergabeprozesses sind sinnvoll, um die unterschiedlichen Perspektiven von Eltern und Tochter sichtbar zu machen. Damit rege ich zur Reflexion an und erleichtere es den Beteiligten, die Situation gemeinsam zu betrachten, zu analysieren und geeignete Handlungsoptionen abzuleiten. Folgende Fragearten sind geeignet: • Hypothetische Fragen, die den Blick auf die Lösung richten: z.B.:„Was würde passieren, wenn…?“ • Skalierende Fragen, die eine Stellungnahme erwarten, z.B. „Wie fühlst du dich auf einer Skala von 1-10 mit dieser Entscheidung?“ • Zirkuläre Fragen, die dazu anregen, sich in andere hineinzuversetzen, z.B. „Was glaubt Du, wie Deine Eltern auf Deine Entscheidung reagieren würden?“ Auf dem Bild: Nachfolge mit Tochter geglückt! Preisträger 2020 / LBG Rehberg mbH. rechts: Christa-Maria Wendig Premier-Finalist 2019 99974 MÜHLHAUSEN Langensalzaer Landstr. 39 Tel.: (03601) 433-3 Fax: (03601) 433-555 99091 ERFURT Alte Mittelhäuser Str. 15 Tel.: (0361) 7 30 31-0 Fax: (0361) 7 30 31-18 98544 ZELLA-MEHLIS Gewerbestr. 2 Tel.: (03682) 45 99-0 Fax: (03682) 45 99-22 07751 JENA Zöllnitz Stadtrodaer Landstr. 3 Tel.: (03641) 62 05 24 Fax: (03641) 62 05 26 34260 KASSEL-Kaufungen Industriestraße 14 Tel.: (05605) 30 51-0 Fax: (05605) 30 51-25 95030 HOF An der Hohensaas 3 Tel.: (09281) 7 69 15-0 Fax: (09281) 6 27 09 99819 EISENACH-Krauthausen Am Marktrasen 2 Tel.: (03691) 7 25 81-0 Fax: (03691) 7 25 81-26 99734 NORDHAUSEN Herforder Str. 96 Tel.: (03631) 61 56 10 Fax: (03631) 60 01 24

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