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PT-Magazin 1-2 2021

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Ermutigung.

50 Wirtschaft Nachfolge

50 Wirtschaft Nachfolge bedeutet Verantwortung! Welchen Beitrag kann ein Gründungs- und Innovationszentrum beim Thema Nachfolge leisten? Diese Frage beantwortet Christian Mohr, Prokurist und Mitglied der Geschäftsführung UnternehmerTUM Projekt GmbH Unternehmertum bedeutet Verantwortung übernehmen – und dazu gehört auch, die Unternehmensnachfolge frühzeitig zu regeln. In meiner täglichen Arbeit, aber auch im persönlichen Umfeld erlebe ich jedoch immer wieder hautnah, wie schwierig es für viele kleine und mittelständische Unternehmen immer noch ist, das Thema Nachfolge richtig und vor allem rechtzeitig anzugehen. Das hat verschiedenste Hintergründe und weckt nicht selten starke Emotionen: Zum einen ist die Unternehmensnachfolge häufig mit Zukunftsängsten verbunden, gleichzeitig spielt der Aspekt des „Loslassen-Können“und der Angst vor dem Loslassen verbunden, zum anderen müssen oft über Nacht weitreichende Entscheidungen getroffen werden, die später nicht mehr umkehrbar sind. Junge Menschen übernehmen nicht selten ohne die notwendige Vorbereitung und Einarbeitung einen Betrieb, weil die Nachfolge nicht langfristig gedacht wurde – möglicherweise mit dramatischen Konsequenzen für den Betrieb! Bei Antritt an die Nachfolge denken Der Mensch neigt dazu, gewisse Themen zu umschiffen und solange es geht auszublenden – etwa, wenn es um die eigene Risikolebensversicherung oder das Testament geht. Auf ähnliche Weise wird die Unternehmensnachfolge verdrängt. Meine alltägliche Praxis zeigt jedoch: Eigentlich sollte man bereits ab dem Tag der Unternehmensübernahme auch an die eigene Nachfolge denken! Deutlich wird dies besonders dann, wenn man sich anschaut, wie viele mittelständische Unternehmen derzeit zum Verkauf stehen. Hunderttausende Mittelständler suchen bis Ende 2020 einen Nachfolger für ihr Unternehmen. Dies geht aus einer Sonderauswertung des KfW- Mittelstandspanels hervor. Derzeit sind, den Angaben zufolge, etwa vier von zehn Chefs mittelständischer Betriebe älter als 55 Jahre. Intern? Extern? Oder beides? Nun stellt sich die Frage: wird die Nachfolge familienintern geregelt oder holt man sich jemanden von außen? Beide Möglichkeiten liefern Potenziale, aber auch Hindernisse und Zündstoff. Löst man die Frage familienintern, so trägt die neue Chefin oder der neue Chef die „Firmen-DNA“ meistens bereits in sich und kennt den Firmengeist und seine Mitarbeiter en Detail. Gleichzeitig bedeutet diese Variante eine lebenslange Aufgabe zu übernehmen und bringt nicht selten Konflikte zwischen den Familienmitgliedern. Die externe Variante ist meistens eine eher temporäre Angelegenheit. Der Vorteil besteht sicherlich darin, dass sich PT-MAGAZIN 1-2 2021

51 PT-MAGAZIN 1-2 2021 © https://www.unternehmertum.de/presse externe Führungskräfte rational und weniger emotionsgelenkt an die Arbeit machen können als Familienmitglieder. Der Nachteil: Sie sind (noch) nicht Teil eines Systems, das sich häufig über Jahrzehnte hinweg entwickelt hat. Dieses System ist für Fremdgeschäftsführer oft nur sehr schwer greifbar und stellt ganz besondere Herausforderung dar. Bei der externen Lösung besteht jedoch auch die Möglichkeit, das Kapital zu entkoppeln: So kann der unternehmerische Erfolg der Familie nachhaltig gesichert werden, trotz eines „fremden“ Geschäftsführers. Solche „gemischten“ Formen können unterschiedliche Vorteile haben: So lassen sich beispielsweise neue, technische Kompetenzen ins Management holen und potenzielle Nachfolger aus der Familie können einfacher auf ihre künftige Rolle vorbereitet werden. Ein Fremdgeschäftsführer fungiert dann sozusagen als Brücke zwischen den Generationen. Nachfolge ist ein Balanceakt Den perfekten Nachfolger zu finden, war für Unternehmer schon immer schwer oder gar unmöglich. Diese Herausforderung wird angesichts des schnellen digitalen und gesellschaftlichen Wandels (Stichwort: VUCA) noch schwieriger. Das gilt insbesondere für gewachsene mittelständische Unternehmen und vor sogenannte „Hidden Champions“, die in den meisten Fällen ganz spezielle Nischen besetzen, wo die ohnehin sehr hohe Komplexität auch weiterhin rapide zunimmt. Ob jemand für ein Unternehmen geeignet ist, zeigt sich häufig erst nach vielen Jahren. Es geht darum, mit Rückschlägen umgehen zu können und seine eigene Duftnote zu hinterlassen. Insbesondere in schwierigen Situationen zeigt sich dann die Qualität der Führung. Ein guter Nachfolger bringt Verständnis für den Vorgänger mit, lernt die Unternehmenskontexte und die Mitarbeiter verstehen und hört zu. Gleichzeitig gelingt ihm der Spagat zwischen der Wertschätzung des Vorangegangenen und dem Neuen, für das er verantwortlich zeichnet. Wo stecken Potenziale? Für uns bei UnternehmerTUM Business Creators (UBC), dem Beratungszweig des Innovations- und Gründungszentrums UnternehmerTUM, stellt sich zuallererst die Frage: Wo will ein Unternehmen hin und wo stecken seine Potenziale? Damit eng verbunden sind Fragen rund um den gesellschaftlichen und technologischen Wandel: Ist eine Firma bereit den digitalen Wandel mitzugehen? Wie kann Technologie dabei unterstützen, auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben? Welche Mitarbeiter sind bereit neue Wege zu gehen? Kommt eine optimale Nachfolge vielleicht direkt aus dem Unternehmen oder muss sie von außen dazustoßen? Um all das beantworten zu können, tauchen wir in das Unternehmen ein, lernen es zu lesen und zeigen mit diesem Wissen und unserem Werkzeugkasten, bestehend aus innovativen Projektmanagementtools, Potenziale auf. Diese Potenziale können neue Märkte oder aber auch innovative Geschäftsmodelle abseits des bestehenden Kerngeschäfts sein. Aber auch ein neuer Nachfolger kann der richtige Weg sein, ein Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen. Dieser bringt häufig das Know- How und das richtige Netzwerk mit, um den digitalen Wandel im Unternehmen anzustoßen und umzusetzen. Man muss sich gemeinsam die Unternehmensziele bewusst machen: Geht es darum, das bestehende Unternehmen fortzuführen? Soll es ausgebaut werden? Und soll es in die nächste Generation geführt werden? Unternehmertum muss nicht zwingend Neugründung heißen Wir bei UBC verstehen uns als Türöffner zu einem großartigen Innovations- und Start-up-Ökosystem voller unternehmerischer Talente und begleiten bei der Erschließung von Innovationen. Sprechen wir heute von Unternehmertum, dann geht es noch immer meist um die Gründung einer eigenen Firma – eine Entscheidung, bei der natürlich der nachvollziehbare Aspekt der Selbstverwirklichung mitschwingt. Selten haben junge Führungskräfte die Übernahme einer mittelständischen Firma auf dem Schirm. Hier wollen wir Absolventen, aber auch Mittelständlern Möglichkeiten aufzeigen – mit dem obersten Ziel, nachhaltiges Unternehmertum zu vermitteln! Die Babyboomer-Generation muss sich ernsthaft mit der Frage um ihre Nachfolge auseinandersetzen und ist dabei immer öfter auf externe Lösungen angewiesen, weil sich der Wechsel immer seltener familienintern lösen lässt. Ihre Unternehmen gilt es aber zwingend zu erhalten, wenn wir den Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig schützen und stärken wollen! ó Christian Mohr Über den Autor ist Prokurist und Mitglied der Geschäftsführung UnternehmerTUM Projekt GmbH, Europas führendem Zentrum für Innovation und Gründung. Als international gefragter Fachbuchautor, unter anderem zum Thema „Digitalisierung des Rechtsmarkts”, hat Mohr sich zudem einen Namen als Legal-Tech-Experte gemacht. „Digitale Walz“ Digitalisierungsdynamiken ermöglichen es der heutigen Nachfolgegeneration sich im Familienunternehmen einzubringen und zu positionieren. Insbesondere bei operativ tätigen Unternehmerfamilien bietet es sich an, die Vorbereitung der Nachfolgegeneration zukünftig neu zu gestalten: Statt jahrelang in den Aufbau von Führungserfahrungen in Fremdorganisationen zu investieren, kann die Gründung oder Mitarbeit in einem Start-up im Digitalisierungskontext eine ideale Vorbereitung für die Führungsaufgabe sein. Der Zugang zur Digital Community stellt dabei einen wesentlichen Erfolgsfaktor dar. Wir sprechen hier von einer „Digitalen Walz“ der Nachfolgergeneration im Rahmen einer auf den Aufbau von Digitalisierungskompetenz fokussierten „Nachfolge 4.0“. Auf dieser Basis können Kompetenzentwicklungsprogramme innerhalb der Familie aufgesetzt werden, um damit den Anspruch ihrer Mitglieder gegenüber der Führungsorganisation des Unternehmens strukturiert wahrzunehmen. Gelingt diese systematische Integration der Digitalisierungsthematik in den Nachfolgeund familienstrategischen Entwicklungsprozess der Unternehmerfamilie, steigert dies die Zukunftsfähigkeit des Familienunternehmens erheblich.

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