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PT-Magazin 06 2019

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Offizielles Magazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung.

Energiewende in Afrika

Energiewende in Afrika Christian Wessels, seit 15 Jahren in Afrika, erklärt die Wachstumschancen PT-MAGAZIN 6/2019 Wirtschaft 50 PT: Herr Wessels, der UN-Klimagipfel in New York hat die Weltöffentlichkeit für die Klimawende mobilisiert. Gleichzeitig gehen in Europa hunderttausende Unterstützer der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg auf die Straße, auch in Afrika wie etwa in Kapstadt konnte die Fridays For Future Bewegung Anhänger mobilisieren. Von einer Massenbewegung oder einer Bewusstseinswende in Afrika kann aber noch lange keine Rede sein. Lassen sich europäische Formen des Protests eins zu eins auf afrikanische Länder übertragen? Christian Wessels: Nicht nur das nicht. Es lassen sich eigentlich überhaupt keine fertigen Lösungen von Europa auf Afrika übertragen. Das ist das Problem, das ich hier in Nigeria oft beobachte, wenn beispielsweise Manager aus Frankfurt oder Berlin nach Lagos einfliegen und meinen, mal eben im Vorbeigehen die Welt erklären zu können, bevor sie wieder den Heimflug antreten. In Afrika stehen zunächst auch ganz andere Ziele wie etwa die Bekämpfung von Armut, Friedenssicherung sowie die Verbesserung von Gesundheit und Bildung im Vordergrund. Energiesparen kann in Afrika, einem Kontinent, der mit Energie chronisch unterversorgt ist, schon mal eine Herausforderung sein. Ich bin schon in meiner Kindheit von meinen Eltern dazu angehalten worden, das Licht bei Verlassen des Zimmers auszumachen, für mich heute eine Selbstverständlichkeit. In Nigeria habe ich einen viel laxeren Umgang damit festgestellt. PT: Also ist Nigeria ein hoffnungsloser Fall? Christian Wessels: Keineswegs, denn ökologische Probleme lassen sich auch ökonomisch darstellen. Wenn ich den Unternehmen in Nigeria erkläre, dass sie bis zu 20 Prozent Energiekosten einsparen können, wenn sie von Dieselgeneratoren auf umweltfreundliche Solarenergie umsteigen, gewinne ich sehr schnell das Interesse der Verantwortlichen. Inzwischen haben wir das 100ste Solarenergiesystem in Nigeria installiert – das bedeutet einen Anstieg um 733 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit konnten bereits 360 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Die Nachfrage nach umweltschonender Solarenergie ist also riesig. So tragen wir unseren Teil der Energiewende in Nigeria bei. PT: Sie sagten eingangs, dass man das Energieproblem in Nigeria nicht mit Europäischen Lösungen angehen kann. Was ist dann aber ihr spezieller Zugang zum Markt aus Ihrer Sicht als Europäer? Christian Wessels: Zunächst einmal: Ich lebe bereits seit über 15 Jahren in Afrika, davon allein 10 Jahre in Nigeria. Das heißt, dass ich Land und Leute sehr gut kenne. Als Berater des nigerianischen Wirtschaftsministers hatte ich bereits Gelegenheit, an Delegationsreisen nach Europa teilnehmen, als Mitglied der nigerianischen Delegation wohlgemerkt. Die Kenntnis beider Mentalitäten, der europäischen und der nigerianischen, ist natürlich von großem Vorteil und hilft, Verständnisbarrieren abzubauen. Das Grundproblem der nigerianischen Wirtschaft ist, dass sie stark unterfinanziert ist. Ideen gibt es viele, aber es fehlt an geeigneten Kapitalgebern. Diese findet man unter anderem in Europa, wo es Investoren gibt, die nach attraktiven Anlagemöglichkeiten suchen. Eine der ersten Kapitalgeber von Daystar Power war beispielsweise die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), eine Tochtergesellschaft der KfW Bankengruppe. Das war ein wichtiges Startsignal auch für weitere Kapitalgeber. Europa solle seine Entwicklungspolitik viel mehr auf das Finanzierungsproblem konzentrieren. Die afrikanische Wirtschaft benötigt zuverlässige Kreditgeber zu akzeptablen Zinsen. PT: Und wurde das Startsignal der DEG auch gehört? Christian Wessels: Absolut. Im März dieses Jahres konnte Daystar Power insgesamt 10 Millionen US-Dollar auf dem globalen Kapitalmarkt einsammeln, darunter von Verod Capital Management, einer Private Equity-Gesellschaft, die sich auf Wachstumsunternehmen in verschiedenen Sektoren fokussiert hat und Persistent Energy, einer Schweizer Finanzierungsgesellschaft, die auf Impact Venture-Unternehmen in unterversorgten Märkten spezialisiert ist. Das Interesse ist auf beiden Seiten, also der Kapitalgeber und der Kapitalnehmer groß. Aufgrund des langfristigen Investmenthorizonts, der regionalen Diversifizierung, der starken Wachstumsaussichten und der Nichtkorrelation mit anderen Assetklassen ist Venture-Capital bei erneuerbaren Energien in Nigeria vor allem für institutionelle Investoren interessant. Aber auch Privatanleger finden zunehmend Gefallen an Entwicklungsmärkten, vor allem vor dem Hintergrund eines zunehmenden öffentlichen Bewusstseinswandels wie sie ihn zu Beginn erwähnt hatten. So können seit Mai Privatpersonen über die schwedische Plattform Trine durch Crowd-Financing helfen, den Ausbau der Solarenergie in Nigeria weiter voranzutreiben.

© Daystar Power Christian Wessels PT: Wer an Infrastrukturinvestitionen in Afrika denkt, dem fällt zuerst China ein. Haben die Chinesen in Afrika die Nase vorn? Christian Wessels: China hat sich im letzten Jahrzehnt stark in Afrika engagiert, das ist zunächst eine positive Nachricht; denn Afrika rückte dadurch – auch für andere Investoren wieder als chancenreicher Wachstumsmarkt in den Mittelpunkt. China hat dazu beigetragen, durch eine stark investitionsgetriebene Politik die Wahrnehmung auf dem afrikanischen Kontinent zu verändern. Die Europäische Entwicklungshilfepolitik war zuletzt in die Kritik geraten, da Transferzahlungen und Sachspenden nicht die erhofften Wirkungen entfaltet hatten. Aber auch Chinas Engagement erntete nicht nur Beifall, da sie vor allem auf teure, kreditfinanzierte Großprojekte setzten und überdies fast ausschließlich chinesische Ingenieure und Arbeiter dabei beschäftigt haben. Sunray Ventures verfolgt hier einen ganz anderen Ansatz: Als Venture Builder setzt Sunray auf die Nutzung vorhandener lokaler Ressourcen. Der Solarenergie-Anbieter Daystar Power ist ein rein nigerianisches Unternehmen: Vom Head of Business Development bis zum Techniker stammen alle Daystar-Mitarbeiter aus Nigeria. Zudem ist es uns wichtig, auf moderne Standards zu setzen. Wir verwenden ausschließlich moderne und hochwertige Solarenergietechnologie. Aber auch in der Unternehmensführung achten wir darauf, europäische Maßstäbe umzusetzen. Weiterbildungsmöglichkeiten und eine Krankenversicherung für alle Mitarbeiter sind bei Daystar Power eine Selbstverständlichkeit, ein Standard der durchaus nicht in ganz Nigeria gilt. Aus meiner Sicht ist dies der nachhaltigere Ansatz, der das Fortbestehen von Daystar Power langfristig garantieren soll. PT: Wenn ganz Nigeria elektrifiziert worden ist, haben Sie dann Ihre Mission erfüllt und gehen zurück nach Deutschland? Christian Wessels: Die flächendeckende Energieversorgung Nigerias ist so eine große Aufgabe, daran werden noch die Kinder und Enkel der jetzigen Mitarbeiter zu tun haben. Daher muss ich mir derzeit um ein Ende meiner Mission vorerst keine Gedanken machen. Hinzu kommt: Der Energiebedarf wird weiter kontinuierlich ansteigen. Die Stromversorgung ist eine Schlüsselwirtschaft, die langfristig die Aufgabe hat, Investoren nach Nigeria zu locken, um eine Industrie aufzubauen, die die dringend benötigten Arbeitsplätze liefern soll, die wiederum dazu beitragen wird, die nigerianische Wirtschaft langfristig zu stabilisieren und die noch immer vorherrschende Armut zu beseitigen. Denn Nigeria ist wie andere afrikanische Staaten ein wichtiger Handelspartner für Europa, dessen Bedeutung weiter zunehmen wird. Außerdem versteht sich Daystar Power bereits als pan-afrikanisches Energieunternehmen, dessen Wirkungsumfeld nicht an den nigerianischen Grenzen endet. Seit April dieses Jahres betreiben wir erfolgreich eine Niederlassung in Accra und arbeiten von dort aus an der Versorgung des Energiemarktes in Ghana. Weitere Länder werden folgen. PT: Vielen Dank für das Gespräch! ó Über den Gesprächspartner Christian Wessels stammt aus Köln, lebt und arbeitet aber seit über 10 Jahren in Nigeria. Er ist Gründer von Sunray Ventures sowie Geschäftsführer von Daystar Power. Im Jahr 2012 wurde Christian Wessels zum Young Global Leader (YGL) des Weltwirtschaftsforums ernannt. Er ist Mitglied der Young President Organization und Gründungsdirektor der European Business Organisation (EBO) in Nigeria. Seine Mitarbeiter vor Ort werden nach europäischem Standard bezahlt und sind krankenversichert. Über das Korruptionsproblem sagt er: „Korruption ist kein genuin afrikanisches Problem. Viele ausländische Firmen, die nach Nigeria kommen, glauben sich nicht an Gesetze halten zu müssen. Dies ist ein sehr kurzsichtiger Denkansatz“. 51 PT-MAGAZIN 6/2019 Wirtschaft

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