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PT-Magazin_06_2016

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

© Jan Kobel Wirtschaft

© Jan Kobel Wirtschaft PT-MAGAZIN 6/2016 © Jan Kobel 56 versehen. Dann wurden sie auf die Baustelle transportiert. Wie viele der uns selbstverständlichen Begriffe aus dem Fachwerkbau kommen zeigt auch der nächste Schritt beim Bau: Mit den fertigen und nummerierten Holzteilen geht es zum „Richten“. Hier waren in Zeiten ohne Kran viele Hilfskräfte nötig, die bei Geschossbauten die Gebinde am Boden zusammensetzten und hochzogen; bei Stockwerkbauten wurde Holz für Holz aufgebaut. Damals wie heute war das Aufrichten des Hauses bzw. seines tragenden Gerüstes eine Aktion von wenigen Tagen - und zum Abschluss wurde dann das Richtfest (sic!) gefeiert. Schwarzküchen Zurück zu unserem Stadthaus nach Arnstadt, das Gräfin Johanna Elisabeth 1687 großzügig um einen barocken Anbau mit weiteren Kellern, eine Beletage und eine große Schwarzküche erweiterte. Schwarzküchen dürften übrigens in Verbindung mit den oft mit Stroh und Schilf gedeckten Dächern eine wesentliche Ursache dafür sein, warum wir heute nur noch rund zwei Millionen Fachwerkhäuser haben. Wegen offener Feuerstellen und einer sehr brennbaren Dacheindeckung In mittelalterlichen Städten fingen solche Häuser leicht Feuer und lösten große Stadtbrände aus. Diese ungewollte Zerstörung war weit öfter als die Brandschatzung während der zahlreichen Kriege. Mit modernen Feuerstätten und festen Dächern wären die meisten Stadtbrände ausgeblieben und Fachwerk wurde unsere Städte in einem weit größeren Umfang bestimmen. Der Umbau durch die Gräfin dürfte entscheidend zur heutigen Silhouette des Hauses beigetragen haben, der zudem wie viele der uns heute vertrauten Fachwerkgebäude den Stolz und Status seiner Bewohner vorstellt. Geschossbauten und der frühe Fachwerkbau waren in ihrer Gestalt meist sehr reduziert und schmucklos, die Menge der verwendeten Balken wurde auf das konstruktiv Notwendige beschränkt. Erst mit den Stockwerkbauten ab dem 16. Jahrhundert werden schmückende Details häufiger. Das Vermögen der Erbauer führte oft zu einem massiven Einsatz von sichtbaren Holzstreben, die weit über jede statische Erfordernis hinausgingen. Die Häuser wurden mit einzelnen oder doppelten Andreaskreuzen, Fußbändern, Rauten und anderen geometrischen Verstrebungen versehen, die nahezu ausschließlich dekorative Bedeutung hatten. Beim Hotel Stadthaus in Arnstadt besonders auf der rechten Seite zu sehen, wo in jedem Gefach unter der Fensterreihe ein geschwungenes Andreaskreuz angeordnet ist. Mit den Geschossbauten erscheinen auch Geschossvorkragungen, wie auch bei unserem Beispiel zu sehen. Die Fachwelt ist mehrheitlich der Ansicht, dass die Vorkragungen rein gestalterische Gründe haben. Der Autor vermutet auch eine Absicht auf Raumgewinn in den oberen Etagen und Wetterschutz in den Etagen darunter - auch wenn das in eng bebauten Fachwerkstätten die Lichtverhältnisse in den Gebäuden mit ohnehin kleinen Fensteröffungen weiter verschlechtert hat. Die heutigen mit dem Thüringischen Denkmalpreis ausgezeichneten Bauherren des Stadthauses Judith Rüber und Dr. Jan Kobel haben das Projekt „Stadthaus“ genannt, weil sie an eine historische © Jan Kobel

Tradition anknüpfen. Im Gegensatz zu heute war das Wohnen und Arbeiten im selben Gebäude normal. Heute ist die dem Platz zugewandte Ostfassade wieder Sichtfachwerk, ebenso die Nordfassade. Bis 1938 war das gesamte Haus verputzt, eine Mode, die im Klassizismus entstand. Seit etwa 1800 passte man städtische Fachwerkhäuser der Erscheinung von mittlerweile üblichen Steinhäusern an, sie wurden verputzt und mit einem einheitlichen Anstrich versehen. Großmann: „Auf dem Lande blieb Fachwerk noch bis nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gestalterisches Element. Dies führte dazu, dass im 20. Jahrhundert Fachwerk lange Zeit als ‘bäurisch’ galt.“ Fachwerk lebt Fachwerk „lebt“ nicht nur deshalb, weil seine Konstruktion jede Bewegung des Untergrundes mitmacht, ohne seine Stabilität zu verlieren. Wir haben alle Gebäude mit enormen Schiefständen vor Augen, die wir in jeder Fachwerkstatt finden. Fachwerk lebt auch wegen seiner spürbaren Geschichte, die in unserem Zeitalter des Bauens nach dem Stil „schnell, glatt, sauber“ Millionen Menschen aus aller Welt als Besucher von Fachwerkstädten oder Freilichtmusen fasziniert. Fachwerk lebt aber auch, weil es stets neuen Nutzungen zuzuführen ist, wovon auch der Historismus zeugt, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts bei städtischen Fachwerkneubauten historische Vorbilder aus dem 16. Jahrhundert zitiert, jedoch Grundrisse und Nutzung entsprechend den modernen Erfordernissen entsprechend auslegt. Holz und Schmuck wurden (wieder) Stolz nach außen gekehrt, bis um 1910 der Fachwerkbau erneut aus der Mode kam. Als Baukonstruktion kehrt er aktuell als Holzständerbauweise wieder, die Zahlen steigen an. Allerdings sind die Objekte meist wenig charismatisch. Dieser meist im Einfamilienhausbau genutzte Baustil ist ökologisch absolut sinnvoll, wird aber wegen seines Verzichts auf Schmuck und repräsentative Details keinen Eingang in die Geschichte finden. Ganz anders das Stadthaus in Arnstadt. Nach 15 Jahren Leerstand wurde das Gebäudeensemble erworben. Nachdem An- und Zwischenbauten aus dem 20. Jahrhundert abgerissen waren, haben die privaten Bauherren zunächst das Fachwerkhaus aufwändig und nach allen Regeln der Kunst saniert. Die starke industrielle Überformung und der Leerstand hatten statische Probleme zur Folge. Doch es gelang, die Häuser in ihrer Struktur und der noch vorhandenen Bausubstanz weitgehend zu erhalten, zu sanieren und zu rekonstruieren. Dabei setzten die Bauherren konsequent auf traditionelle Handwerkskunst und traditionelle Baumaterialien. In Teilbereichen wurde fast 500 Jahre altes Baumaterial Lehm wieder aufbereitet und eingebaut, ergänzt um moderne Lehmbaustoffe speziell zur Sanierung von Fachwerkgebäuden von Claytec, Kalkprodukte von Solubel und Maxit, Leinölfarben von Ottosson und natürlich Holz. Die Mühe, das historische Gebäude einer neuen Nutzung als Hotel zuzuführen hat sich gelohnt: In der ehemaligen Schwarzküche wird heute gefrühstückt, im enormen Gewölbekeller sind zukünftig Weinverkostungen geplant, die Zimmer sind sorgsam und ökologisch saniert. Die Aura des Hauses ist zu neuer Blüte erwacht. ó Dr. Michael Willhardt Über den Autor Dr. Michael Willhardt führt eine Kommunikations-Agentur in Duisburg. Claytec ist Preisträger des Jahres 2012 beim „Großen Preis des Mittelstandes“. Wirtschaft PT-MAGAZIN 6/2016 57 AUSGEZEICHNETE ARCHITEKTUR! Weitere Informationen unter: Telefon 02623 884488 www.kern-haus.de Bauhaus Ixeo INDIVIDUELL BAUEN, GANZ ENTSPANNT!

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