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PT-Magazin 05 2020

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Meilensteine.

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© www.piqsels.com Sachsens Silicon Valley Mehr als 800 Jahre Bergbau haben das Erzgebirge geprägt. Die montane Evolution hat dabei Werte und Kompetenzen der Menschen geformt, denn Durchhaltevermögen, Erfindergeist und Bodenständigkeit gehören zum Erzgebirge wie der weihnachtliche Lichterglanz– sie sind Teil der Erzgebirgs-DNA. Und in diesen traditionellen Stärken liegt das Leistungsreservoir für die Zukunft der Region. „Das Erzgebirge war das Silicon Valley Sachsens“ - so war es im Zuge der Ernennung der Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří zum UNESCO-Welterbe vor einem Jahr zu lesen. Nicht nur die Arbeitsleistung der Bergmänner Untertage war enorm, sondern auch, was an Wissenschaft, Technologie, Infrastruktur, Zulieferhandwerk und Folgeindustrie innerhalb kurzer Zeit entlang des Gebirgskammes entwickelt wurde. Es zeugt von einer außergewöhnlichen Ausdauer und einem Entwicklergeist, der in der Gebirgsregion herrschte und noch heute dominiert. Die mittelständischen Unternehmen des Erzgebirges haben in der Tradition dieser Werte heute ein breites Fertigungs-Knowhow in den Folgeindustrien des Bergbaus aufgebaut und finden individuelle Lösungen für Spezialanwendungen. Deren Einsatzbereiche sind meist wenig bekannt, denn die Sichtbarkeit der Produkte ist begrenzt. Das Wirken im Hintergrund, als Zulieferer und Nischenanbieter ist auch der Grund, weshalb das Erzgebirge weniger mit starken Marken nach außen glänzt. Doch ist es gerade die Vielfalt und Heterogenität der Wirtschaftsregion, die sich als krisenresistent erwiesen haben und einen besonderen Vorteil bieten: In kaum einer anderen Region[1]kommen so viele produzierende Unternehmen aus so vielen Branchen auf so engem Raum zusammen. Das ist ein Grund, weshalb sich im Erzgebirge aktuell gleich drei Innovations-Projekte der Zielsetzung stellen, regionale Anstrengungen in Forschung- und Entwicklung zu kanalisieren, um in der Kooperation sichtbare Erfolge zu erzielen. SmartERZ, recomine und Smart Rail Connectivity Campus sind als Projektvorhaben des WIR!-Programmes[2] nahezu ideal für die Region. Denn die kleingliedrige Wirtschaftsstruktur erhält dadurch Zugang zu Forschungseinrichtungen und kann längerfristig Partnerschaften aufbauen. Schließlich war das Miteinander der vielen Branchen auch schon ein Erfolgsgarant für die Bergbauregion Erzgebirge. In der DNA der Montanregion steckt viel aktuelles Potential Das Geheimnis der Region … besteht damals wie heute in den Menschen des Erzgebirges: Dr. Michael Urban, Wegbereiter des Welterbeprojektes auf tschechischer Seite, geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet das Erzgebirge als das Silicon Valley der ganzen (damaligen) Welt. Erzgebirger mit Bergbauerfahrung und der besten akademischen Ausbildung wurden zu gefragten Experten – deshalb zog die Region Bergleute aus aller Welt an und entsandte sie ebenso international. Heute wie damals kann man sagen, in Freiberg wurden die High Potentials der Branche ausgebildet. Neben den Menschen brauchte die Region – das ist im Silicon Valley nicht anders – Rahmenbedingungen, um diese Leistungen zu ermöglichen. Kurfürsten sorgten mit ihren Entscheidungen u.a. zur Münzordnung und Verleihung von Münzrechten nach Annaberg und Joachimsthal im frühen 16. Jahrhundert, zur Gründung einer Bergbau-Universität 1765/66 oder dem Ausbau von Handelswegen für grundlegende Bedingungen, die die stetige Weiterentwicklung des Montanwesens ermöglichten. Unter den Universalgelehrten und Wissenschaftlern, die maßgeblich mit die Basis für die heutige Wissenschaft legten, finden sich Namen aus dem Erzgebirge wie Alexander von Humboldt, Novalis, Adam-Ries, Georgius Agricola und Carl von Carlowitz. Ähnlich verhält es sich mit Wirtschaftsför- PT-MAGAZIN 5 2020 MACH WAS DAS BLEIBT! #Karriere - powered by dechant Abt-Knauer-Str. 3, 96260 Weismain | Postfach 65, 96258 Weismain Telefon +49 9575 982-0 | Telefax +49 9575 982-1200 | info@dhib.de Weitere Informationen erhalten Sie unter www.dhib.de Finalist 2019

47 PT-MAGAZIN 5 2020 © Boris Löffert 2019 wurde die WFE Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH mit dem Sonderpreis „Kommune des Jahres“ ausgezeichnet. Im Bild v.l. Frank Vogel, Landrat Erzgebirgekreis und Matthias Lißke, Geschäftsführer WFE derung heute. Standortvoraussetzungen sind nicht wegzumachen, sondern können durch cleveres Handeln im Zusammenwirken von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft gehoben werden, um mutigen Visionären und Machern Chancen zu ermöglichen. Denn Innovationen erfüllten dabei keinen Selbstzweck, sondern dienten der Optimierung eines Status quo. So wurde die Verbesserung von Wasserhebetechniken mit Feldgestängen und dem Kehrrad in Joachimsthal und Ehrenfriedersdorf im 16. Jhd. entwickelt, um tiefer liegende Erze abbauen zu können. Die von Heinrich Eschenbach entwickelte Kunst des krummen Zapfens war über Jahrhunderte maßgeblich für die Konstruktion von Pumpanlagen. Ähnlich wegweisende Fragen existieren heute für die Mobilität des 21. Jahrhunderts. Weichenstellungen für den Smart Rail Connectivity Campus können Potentiale zur Weiterentwicklung der Region heben, wenn hier am Standort der Schienenverkehr der Zukunft wesentlich mitentwickelt wird. Aus Erfahrung gut Mit neuen Erzaufbereitungstechnologien nahm Sigismund von Maltitz aus Dippoldiswalde eine Vorreiterrolle ein, durch die erstmals die Erze in Wert- und Abfallkomponenten getrennt wurden. Eine geringere Staubbelastung war die Folge. Aktuelle Fragen zum schonenden Umgang mit Ressourcen, Nachhaltigkeit und dem Recycling von Altlasten zu Rohstoffquellen sind Themen, dem sich das Projekt recomine stellt. Hier von Beginn an involviert ist u.a. die Nickelhütte Aue. Mit fast 400 Jahren Firmengeschichte und über 400 Mitarbeitern ist die Nickelhütte ein industrielles Schwergewicht im Erzgebirge. Als Blaufarbenwerk beginnt die Historie des Metallurgie- und Hüttenbetriebes. Heute ist das Unternehmen ein Experte, wenn es um Metallrecycling geht. Im Kerngeschäft steht die Wiederverwertung von Lithium-Ionen- Akkus – ein wichtiger Fakt zum ökologischen Umbau der Wirtschaft. Neue Arbeitsfelder ergeben sich immer wieder durch neuartige Technologien und Stoffentwicklungen, die irgendwann wieder ihren Weg in den Kreislauf finden müssen. Neue Werkstoffe sind das Stichwort. Denn so wie in den letzten Jahrhunderten vom ersten Silberfund ausgehend immer neue Legierungen andere Werkstoffe hervorbrachten, beschäftigen sich die findigen Erzgebirger auch heute mit der Revolution von Materialien, um Info [1] Der Erzgebirgskreis liegt im deutschlandweiten Vergleich bei der Anzahl der produzierenden Betriebe auf Platz 4.nach Berlin, Märkischer Kreis und Hamburg, Vgl. Regionaldatenbank Deutschland, Betriebe, Beschäftigte, Bruttoentgelte - Stichtag: 30.09. - regionale Tiefe: Kreise und kreisfreie Städte 2009 – 2018. Quelle: https://www.regionalstatistik.de. [2] Das Programm „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gibt den Anstoß für neue regionale Bündnisse und einen nachhaltigen innovationsbasierten Strukturwandel in allen strukturschwachen Regionen Deutschlands. In der 1. Förderrunde schafften drei Bündnisse aus der Erzgebirgsregion den Sprung unter die 20 ausgewählten Projekte. Dinge mit Funktionen zu versehen. In dem breit angelegten Netzwerk Smart- ERZ entwickeln sich wertvolle Ansätze zur interdisziplinären Zusammenarbeit, die eine Produktentwicklung von intelligenten Verbundwerkstoffen erst möglich machen. Denn dafür braucht es Expertise in der Elektrotechnik, für Kunststoff, Textilien und Metall, aber genauso Maschinenbauer und Anlagenentwickler, die die Komponenten zusammenbringen. Und genau diese Vielseitigkeit hält das Erzgebirge bereit. Nicht ohne Grund findet sich der Erzgebirgskreis im Regionalranking 2020 des Instituts der Deutschen Wirtschaft auf Platz 36 im Dynamik-Ranking wieder und ist damit bester Flächenlandkreis Mitteldeutschlands. Eine Dynamik, die vor 800 Jahren ihren Ursprung hatte. ó

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