Aufrufe
vor 2 Jahren

PT-Magazin 05 2019

  • Text
  • Wolfgang
  • Deutschland
  • Mitarbeiter
  • Mittelstandes
  • Wettbewerb
  • Schmidt
  • Wirtschaft
  • Stiftung
  • Mittelstand
  • Unternehmen
Offizielles Magazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung.

Masse statt Klasse

Masse statt Klasse PT-MAGAZIN 5/2019 Gesellschaft 10 Unternehmen beklagen ihn seit Jahren, Studien bestätigen ihn regelmäßig: Deutschland leidet unter einem Mangel an Fachkräften, vom Gesellen oder Meister bis hin zu Absolventen der Fachhochschulen und Universitäten. Dabei ist der Fachkräftemangel (kurz FKM) nicht nur – wie seit vielen Jahren bekannt – bei den technischen Berufen (Techniker, Ingenieure, IT - Spezialisten) besonders groß, sondern auch in Pflegeberufen, Handwerk und in der Erziehung/Bildung. Gleichwohl, die erschreckenden Prognosen, die noch vor 5 bis 10 Jahren mehrere Millionen fehlender Akademiker und sonstigen Fachkräften voraussagten, sind bislang nicht eingetreten. Und so relativieren jüngere Studien die früheren Zahlen, erkennen den Mangel primär in den o. g. Berufsfeldern. Einige ernstzunehmende Journalisten stellen den FKM sogar grundsätzlich in Frage (siehe „Das Märchen vom Fachkräftemangel“). Ist nunmehr der angekündigte FKM „ausgefallen“? Mitnichten, aber es gibt auch Entwicklungen, die dem prognostizierten Mangel entgegen wirken: Auf der „Angebotsseite“ sehen wir mehr Studierende an den Hochschulen, mit kürzerem Studium und erleichtertem Zugang u. a. durch Substitution wissenschaftlicher Vorbildung durch Praxiserfahrung (z. B. für den Zugang zu wissenschaftlichen Hochschulen oder zur Promotion) und durch die erleichterte Anerkennung ausländischer Abschlüsse und die generelle Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland. Hinzu kommen neu akkreditierte, häufig nicht öffentlich getragene Bildungseinrichtungen, die Senkung der Fachanforderungen für die Ausübung bestimmter Berufe und die gezielte Nachqualifizierung von Arbeitskräften ohne Abschluss. Auf der „Nachfrageseite“ entspannen u. a. die Fortbildung bestehender, älterer Mitarbeiter*innen und die damit verbundene Abkehr vom Jugendwahn angelsächsischer Personalphilosophien die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Anhebung der Renteneintrittsalter den Markt. Allen Entwicklungen – ob sinnvoll oder nicht – ist eines gemein: dem Mangel wird dadurch begegnet, dass möglichst vielen Menschen schnell und leicht Abschlüsse und Grade zuteil werden © Felix Lichtenfeld auf Pixabay und die Durchlässigkeit im Bildungssystem verbessert wird. Was grundsätzlich sinnvoll und erstrebenswert ist, kann allerdings dazu führen, dass das Land mit Titeln, Graden und Abschlüssen überschüttet wird, die am Ende nicht die gewünschten oder erwarteten Fachkompetenzen repräsentieren und zudem kaum mehr zu differenzieren sind. Nicht die Überschrift sondern die Qualität der Ausbildung führt zur Fachkraft. FKM wird dann aber zu einem qualitativen Mangel, wenn Unternehmen zwar genügend Bewerber*innen finden, aber nur wenige geeignete. Wie viele Unternehmer, aber auch Personalberater derzeit bemängeln, mangelt es Unternehmen nicht an der schieren Zahl von Bewerber*innen, sondern an geeigneten Kandidat*innen – es ist ein qualitativer FKM. Viele Unternehmen beklagen jenseits fehlender grundlegender Fähigkeiten im Fach dazu auch mangelnden Willen, Motivation und die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen, gepaart mit überzogenen Vorstellungen über eigenes Können und Leistungen. Das Problem ist nicht neu, erlangt aber in Zeiten den rein quantitativen Ruf nach mehr Fachkräften und in einem Umfeld mit einem signifikant gestiegenen Streben nach akademischen Ehren in der Gesellschaft zusätzlichen Antrieb mit der Folge fataler Fehlentwicklungen in der Ausbildung und deren Darstellung in der Gesellschaft: Statt das Niveau der Ausbildung zu fördern und der Komplexität der Gesellschaft anzupassen sowie die unterschiedlichen Ansprüche der Bildungsangebote nachvollziehbar zu differenzieren, wird das Land mit in ihrer Qualität nicht mehr unterscheidbaren Abschlüssen und Titeln überschüttet. Jegliches Bemühen um mehr Wissen wird sogleich ambitioniert tituliert (fast alles ist heute ein Studium) und Voraussetzungen zur Berufsausübung, z. B. den Meisterabschluss im Handwerk, fallen gelassen. So werden zwar faktisch mehr so bezeichnete Fachkräfte produziert, die Qualität dieser aber nicht gefördert und Differenzen nicht sichtbar gemacht. Denn nicht jeder mag zum wissenschaftlichen Studium geeignet und willens sein und letztendlich wird auch eine Elite-Universität aus unbegabten Studierenden kaum begabte machen können. Auch deshalb werden die nach dem Bologna-Prozesses neu gestalteten Master- (MA) und Bachelor-(BA)Studiengänge kritisiert. Denn in dessen Folge entstanden viele Curricula, die nur eine Aneinanderreihung von Kursen ohne ein ganzheitliches Verständnis des Fachs bieten, und deren Inhalte von Dozenten vermittelt werden, deren Qualität darin besteht, dass sie sich mit Blick auf schöne Titel aus der Lehrtätigkeit als Pädagogen berufen fühlen. Gerade das Fehlen eines ganzheitlichen Denkens rächt sich später für die Unternehmen, wenn die Mitarbeiter

Der qualitative Fachkräftemangel. Ein Meinungsbeitrag von Univ.-Professor Dr. Jörn Axel Meyer, Deutsches Institut für kleine und mittlere Unternehmen im Studium nur Wissen statt Denkweise und das Abarbeiten und -haken von Einzelkursen statt grundsätzlichem Verständnis gelernt haben. Eine komplexe und interdisziplinäre Welt verlangt aber flexibel und plural denkende Mitarbeiter. Das es anders geht, zeigt sich in den USA: Selbst die Bachelor-Ausbildung wird zunehmend zu einer „Education of the Mind“. Die Unternehmen übernehmen es, den Absolventen die unternehmensrelevanten, praxisspezifischen Inhalte zu vermitteln. Kombiniert mit der Pflicht zu umfassenden Praktika wäre dies auch in Deutschland sinnvoll, allerdings wird hier noch unter der Flagge einer wie auch immer zu definierende Praxisorientierung versucht, isolierte und kurzfristige Bedarfe einzelner Branchen in die Bachelor- und sogar Master-Ausbildung einzubauen. Auf anderen Ausbildungsebenen jenseits der Hochschulen finden sich ebenso phantasievolle Blüten, womit wohl auch eine verbale Nähe zu den Hochschulabschlüssen erzeugt werden soll. So ist leicht der ungeschützte „Betriebswirt“ mit dem „Dipl.-Betriebswirt“ (geschützt) zu verwechseln. Nur zu oft bleibt unklar, was sich hinter den Bezeichnungen „zertifiziert“ (ja, es gibt auch zertifizierte Stripteaselehrer*innen) oder „anerkannt“ verbirgt, wer dies geprüft oder verliehen hat. Auch darf bei Zusätzen wie „diplomiert“ oder gar „akademisch geprüftem Kaufmann“ sowie „Diplom Service Berater“ genauer nachgefragt werden. Und ein „staatlich geprüfter“ Schluchten- bzw. Schneeschuhführer mag zwar eine Vertrauen verdienende Fachkraft sein, die Bezeichnung allein wirkt etwas überambitioniert. Die vielen neuen Abschlüsse, Titel und Bildungsstätten werden zum Problem, wenn sie nicht mehr ohne profundes Wissen zu differenzieren oder über die Fachkompetenz hinweg täuschen: Für jeden Bürger, z. B. wenn er eine Heilbehandlung sucht, was bei falscher Wahl zur Gefahr für die Gesundheit werden kann. Es ist aber besonders ein Problem für Unternehmen und Freiberufler, die ohne HR-Spezialisten Mitarbeiter*innen suchen oder sich an einen Berater oder Coach wenden. Die falsche Auswahl kann zu erheblichen Kosten, ja sogar Schaden und Verlust von Kunden führen, wenn der/die Bewerber/in – einmal eingestellt – die Erwartungen aufgrund der Bewerbung und Selbstdarstellung nicht Über den Autor Univ.-Professor Dr. Jörn-Axel Meyer ist wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für kleine und mittlere Unternehmen, Berlin, www.dikmu.de und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Oskar-Patzelt-Stiftung. erfüllt. Projekte bleiben liegen und neue Mitarbeiter*innen müssen gesucht und eingearbeitet werden. Was ist zu ändern? Wir brauchen nicht mehr und keine neuen Grade, Abschlüsse und Titel wie es auch wenig Sinn macht, Zugangsbedingungen und das Ausbildungsniveau zu senken, nur um mehr Fachkräfte leichter und schneller zu „produzieren“. Ausbildungen und Bildungsstätten müssen vielmehr allgemein verbindlichen, verlässlichen und transparenten Qualitätskriterien und Zugangsvoraussetzungen unterliegen – damit eindeutiger und besser differenzierbar und bewertbar sein. „Was drauf steht – muss auch drin sein“ – das gilt auch hier. ó 11 PT-MAGAZIN 5/2019 Gesellschaft Email-, Glasuren- und Engobenhersteller 2002 Wendel GmbH | Email- und Glasurenfabrik | Am Güterbahnhof 30 | 35683 Dillenburg +49 (0) 2771 906 – 0 | info@wendel-email.de | www.wendel-email.de

Jahrgänge