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P.T. MAGAZIN 05/2013

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

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(Foto: Wikimedia/CC-3.0/Royal Family of Bhutan) (Fotos: Gemeinfrei) Modern, leistungsfähig, effektiv und höchste Qualität Präzise Ihr Gewinn Gesellschaft Der Guerilla-King Wie ein kleiner Bergkönig das große Abendland veräppelte Der heutige Herrscher, Sohn des Guerillakönigs. Bhutan, in den Bergen des Himalaya zwischen China und Indien gelegen, ist größer als Nordrhein-Westfalen, hat aber weniger Einwohner als das Saarland und ist eines der ärmsten Länder der Welt. Zwei Drittel des Staatshaushalts des Bergstaats finanziert daher Indien. Die Frage eines indischen Journalisten zum weltweit niedrigsten Bruttoinlandsprodukt (BIP) „nervte“ 1979 den König Jigme Singye Wangchuck so sehr, dass er einen Ausweg ersann. Er fühle sich einer Wirtschaftsentwicklung verpflichtet, die Bhutans einzigartiger Kultur und ihren buddhistischen Werten gerecht werde. Er denke nicht in Kategorien der Produktion, sondern in denen des Glücks – des Bruttonationalglücks. Eine Staatskommission wurde berufen. „Die vier Säulen des Bruttonationalglücks sind die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, Bewahrung und Förderung kultureller Werte, Schutz der Umwelt und gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.“ schallte es fortan aus dem Himalaya über die Welt. Das war Guerillamarketing erster Klasse. Weg mit dem BIP Der Kunstbegriff – und mit ihm immer wieder Bhutan – sickerte innerhalb von nur 20 Jahren über andere Dritte- Welt-Länder wie Ecuador und Bolivien unaufhaltsam durch die ganze westliche Welt. Yoga, Karate und Ayurveda hatten dafür Jahrhunderte gebraucht. 1996 erreichte das Thema die Wissenschaft. Ruut Veenhoven publizierte über Happy Life-Expectancy. 2007 stellte die 1986 als Alternative zu den G7 gegründete New Economic Foundation in London ihren „Happy Planet Index“ vor. 2008 zog Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach und berief eine Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, der nicht weniger als fünf Nobelpreisträger angehörten. Dieses, nach ihren Leitern auch Stiglitz- Sen-Fitoussi-Kommission genannte, Gremium sollte eine Alternative zum BIP erstellen und das gegenwärtige „Wohlergehen“ eines Landes berücksichtigen. Dürfen Wissenschaftler gut bezahlt im Staatsauftrag denken, dann sind sie nicht zu bremsen. Etwas lässt sich immer als Neu deklarieren. Also zitiert die Süddeutsche Zeitung 2009 unter dem Titel „Weg mit dem BIP“ den amerikanischen Nobelpreisträger und Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz: „Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht an sich falsch, aber es kann falsch angewandt werden.“ Steuerverschwendung auf ganz hohem Niveau Hallo? Für diesen Allgemeinplatz braucht es doch keine Nobelpreisträgerkommission! Auch Mikrowellen, Biokraftstoff, Chemielaboratorien, Operationssäle und Tanga-Slips sind nicht an sich falsch, aber können alle „falsch angewandt“ werden. Oder heißt es vielleicht nächstens „Weg mit den Laboren“ oder „Zurück zum Liebestöter“? Doch Wangchucks Guerillataktik rollte unaufhaltsam. Nur ein einziges weiteres Jahr Diskussionszeit brauchten Deutschlands Medien und Parlamentarier. Am 1. Dezember 2010 beschloss der 17. Bundestag nach bhutanischem Vorbild die Einsetzung einer Enquete-Kommission, um eine neue „Messzahl für Wohlstand und Fortschritt“ zu suchen, „jenseits der Wachstumsfixierung“ des Bruttosozialprodukts. Insgesamt 17 Abgeordnete aller Fraktionen und 17 Experten beraten seitdem in fünf Projektgruppen. Nun ist Nachdenken grundsätzlich nichts Schlechtes, Nachdenken über Glück und Wohlfahrt erst recht nicht. Aber davon allein entsteht noch lange nichts Neues, Gutes, Unverzichtbares. Am 28. Januar 2013 lästert auf www.bundestag.de ein Kommentator über die dort verfilmte 27. Sitzung: „Liebe Kommission. Ich fürchte, es ist nun doch das heraus gekommen, was alle prophezeit haben: nichts. Ihr Indikatorenbündel ist ein willkürliches Potpourri ohne System. Mit Lebensqualität hat vieles nur bedingt oder überhaupt nichts zu tun. Ist jene Gesellschaft gut dran, in der jeder in Pflegestufe 3 ein biblisches Alter erreicht? Geht es den Menschen schlechter, wenn es eine Anemonenart weniger gibt? Nach welcher Regel oder Logik wurden denn Ein „Ätsch!“ für die Nobelpreisträgerkommission. (Foto: Wikimedia/CC-3.0/ Christopher J. Fynn) genau diese zehn Indikatoren ausgewählt? Mein Fazit: Steuerverschwendung auf ganz hohem Niveau.“ Vergleichen ist das Ende des Glücks Mit Demokratie hat das Königreich Bhutan noch nicht viel am Hut. Der Buddhismus herrscht als Staatsreligion. Bis 2005 waren politische Parteien verboten. Die Rechtssprechung gründet nicht auf Gesetzen, sondern auf „Richterspruch“. Ein (Staats)Fernsehen gibt es erst seit 1999. Das Rauchen wurde 2004 verboten und wird seit 2011 mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Die Hauptstadt Thimphu, mit etwa 80.000 Einwohnern so groß wie das hessische Marburg, hat keine Verkehrsampel, denn Autos gibt es kaum. Auch Radfahren ist innerhalb der Stadt verboten. Da sich die wenigen Menschen trotz der riesigen Flächen nicht selber ernähren können, muss die Regierung Reis importieren. Obwohl das BIP Bhutans je Einwohner nur 1/19 des deutschen BIPs ausmacht und bei diesem Wert stagniert, hat das Königreich ein „nicht wachstumsorientiertes“ Wirtschaftsmodell in der Verfassung verankert. Ausgerechnet dieses Bhutan hat es geschafft, die internationale Gemeinschaft davon zu überzeugen, auf dem falschen Weg zu sein. Eine stolze Leistung! „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“, schrieb Henrik Ibsen. Søren Kierkegaard ergänzte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ n Dr. Helfried Schmidt • Maschinenbau • Werkzeugbau • Vorrichtungsbau • Sondermaschinenbau SCHAUSCHIRM 5/2013 P.T. MAGAZIN 13 Röllgassgarten 6 · 35274 Kirchhain-Anzefahr www.aschenbrenner-gmbh.com

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