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P.T. MAGAZIN 04/2014

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Wirtschaft (Foto: Vinoth

Wirtschaft (Foto: Vinoth Chandar VinothChandar/Flickr.com/CC BY 2.0) 60 Der Rürup-Irrtum Weshalb zusätzliche private Versorgung kein Garant für gute Pflege im Alter ist In Deutschland gibt es derzeit 2,5 Mio. Pflegebedürftige. Etwa 70% werden zu Hause versorgt. Die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung im Inland bewegen sich zumeist auf dem Niveau einer Teilkasko-Versicherung. Eine bessere Versorgung kann man beispielsweise in Österreich und Skandinavien erwarten – finanziert durch den Staat bzw. die Kommunen. Hierzulande wurde spätestens seit den 90er-Jahren zunächst der Anstieg von Löhnen und Gehältern vom Produktivitätsfortschritt entkoppelt. Real treten die Arbeitnehmer im Durchschnitt bei der Kaufkraft der Löhne allenfalls auf der Stelle. Die Entwicklung zu einem Niedriglohnland mit bis zu mehr als 25% prekären Arbeitsverhältnissen, wurde arbeitsrechtlich flankiert mit massenhaften 12 12% Sparquote Sparquote 10 8 0% 2010 11,4 % 11,4% 2011 10,4 % 2012 10,3 % 2011 2013 10,4% 10 % Befristungen einschließlich Leiharbeit und Werksverträgen. Zudem steigen die gesetzlichen Renten politisch gewollt deutlich geringer als die Löhne – ihre Kaufkraft nimmt Jahr für Jahr gegenüber den Nettolöhnen ab. Rückgang der Arbeitskräfte schränkt Kapitalanlagemöglichkeiten ein Wenn die Arbeitskräfte in Deutschland aufgrund des Geburtendefizits zurückgehen, so schränkt dies nicht nur das Umlageverfahren durch fehlende Beitragszahler, sondern ebenso auch die Steuerkraft und die Möglichkeiten der Kapitalanlage ein. Weniger Arbeitskräfte bedeuten weniger Nachfrage z. B. nach Immobilienkrediten und Immobilien, inklusive Gewerbeimmobilien, sowie Produktionsmitteln. Altersvorsorge in Deutschland wird durch die sinkende Sparquote schwieriger 2010 2012 10,3% 2013 10% Quelle: Statistisches Bundesamt Sogar Pflegeheime müssten trotz steigender Zahl der Pflegebedürftigen schließen, wenn die benötigten Arbeitskräfte fehlen. Die Politik steht vor der Aufgabe, den künftigen Austritt der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Arbeitsleben beispielsweise durch Förderung von Zuzug, Qualifikation und Integration zu kompensieren. Dass der Zuzug aus dem Ausland auch beim Arbeitskräftemangel keine Lösung bringen wird, ist leicht daran zu erkennen, dass auch die Politik beim Umlageverfahren wegen des Mangels an Beitragszahlern resigniert hat. Dazu kommt: Beim „Volk der Dichter und Denker“ endet heute jede vierte Schulzeit, ohne dass die grundlegenden Kulturtechniken beherrscht werden. Weiterhin muss konstatiert werden, dass qualifizierte Arbeitskräfte wie z. B. Ärzte international so gefragt sind, dass sie eher aus Deutschland z. B. in die Schweiz oder nach England auswandern als umgekehrt. So werden also zurückgehende Zahlen bei den Arbeitskräften in Deutschland die Nachfrage und die Möglichkeiten zur Kapitalanlage für die Kapitaldeckung bei der Altersvorsorge in Deutschland selbst einschränken. Kapitalexport als Ausweg? Politikberater meinen nun, dass daher über Kapitalanlagen außerhalb von Deutschland diversifiziert werden müsse. Aktien und Rentenpapiere aus wachstumsstarken Regionen sollen die Ertragsmöglichkeiten steigern, insbe- P.T. MAGAZIN 4/2014

60% 50% Wie überzeugt sind Sie, dass die Regierung in der Zukunft eine angemessene staatliche Rente bezahlen kann? 58% versorgung in Deutschland sichern, steht die Erwartung der Chinesen entgegen, dass sich die eigenen Kapitalinvestitionen in Deutschland und Europa amortisieren. P.T. MAGAZIN 4/2014 40% 30% 20% 10% 0% 5% Sehr überzeugt 11% Etwas überzeugt Weitere Informationen: Deutschland; Harris Interactive; 27.04.2010-04.05.2010; 1.040 Befragte; 16-64 Jahre sondere für Pensionsfonds, Lebensversicherungen und Pensionskassen. Diese Kapitaldeckung erweist sich indes als weiterer Teil des Problems und nicht der Lösung. Kapitaldeckungsverfahren über Investitionen im Ausland sind riskanter, und die Nachfrage wird auch dort zunehmend eingeschränkt. Gegenwärtig suchen die Chinesen selbst nach Anlagemöglichkeiten, z. B. durch Ausgabe von Immobilienkrediten in England. Zur Ausweitung des Kreditvolumens bzw. der Anlagemöglichkeiten sinken womöglich die Anforderungen an die Eigenkapitalquote, Sicherheiten und Bonität der Schuldner, auch bei gewerblichen und Immobilienfinanzierungen. In Indien wurden Kleinkredite erst aufgestockt, weil die Schuldner statt zahlen zu können immer neue Kredite bekamen – am Ende haben sie sich zu „NO PAY“-Vereinen zusammengeschlossen, die Schuldeneintreiber verjagt und die örtlichen Bankfilialen angezündet. Deshalb ist es sehr warscheinlich, dass das Ausland, statt erweiterte Anlagemöglichkeiten zu bieten, selbst in der 25% Eher nicht überzeugt Überhaupt nicht überzeugt Quelle: Harris Interactive Statista 2014 Suche nach Anlagemöglichkeiten konkurriert. Der Erwartung, dass die Chinesen oder auch andere aufstrebende Länder durch ihre Wirtschaftskraft die Erträge für die kapitalgedeckte Alters- Kapitaldeckung kann keinen Arbeitskräftemangel kompensieren Wie auch immer: selbst wenn die Kapitaldeckung die Bezahlung von Dienstleistungen theoretisch ermöglichen würde, wenn das Arbeitskräfteangebot fehlt, können diese – egal für wieviel Geld – nicht im erforderlichen Ausmaß erbracht werden. Insofern liegt Rürup mit seiner Idee der Kapitaldeckung völlig falsch: Geld kann man nicht essen. Bereits heute nutzen Rentner die Alternative, zu den qualifizierten aber noch preiswerteren Arbeitskräften abzuwandern, etwa für eine Pflege in Ungarn oder Thailand. Es ist fatal, den Rückgang der Arbeitskräfte nur als ein Problem für das Umlageverfahren zu sehen, ohne die übrigen Konsequenzen dieses Szenarios zu betrachten. Auf welche geheimnisvolle Weise sollen diejenigen, die gar nicht erst geboren wurden und als Beitragszahler im Umlageverfahren feh- Altersversorgung in Deutschland ist weder für jung noch alt ein leichtes Geschäft. (Foto: Quinn Dombrowski quinn.anya /Flickr.com/ CC BY-SA 2.0)

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