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PT-MAGAZIN 03-04 2020

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Keine Angst vor Krisen. Nominierungsliste 2020 des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes". Motto: Lösungen finden

6 Gesellschaft 100.000

6 Gesellschaft 100.000 Wirtschaftswunder © www.piqsels.com Auszug aus einem Plädoyer für ein Land der 100.000 Wirtschaftswunder … „Schwierig, Herr Zintl, schwierig“, seufzt der Wirtschaftsexperte, der mir gegenübersitzt. Er überfliegt die statistischen Zahlen, die die Region um Mittweida in Sachsen kennzeichnen und fügt hinzu: Strukturschwach ist der richtige Ausdruck.“ „Ja, das ist so.“ Ich nicke. „Und die Bevölkerungszahlen gehen auch zurück, nicht wahr?“, bohrt er weiter. „Auch das ist richtig“, bestätige ich ihm. „Und da wollen Sie es mit der Volksbank Mittweida schaffen, erfolgreich zu arbeiten? Wo doch schon Genossenschaftsbanken in Regionen mit hoher Kaufkraft, Zuzug und großer wirtschaftlicher Dynamik um ihre Existenz kämpfen?“, fragt er halb herablassend, halb ungläubig. Er schaut mir in die Augen, schüttelt den Kopf und setzt hinzu: „Das ist schwierig.“ „Da möchte ich Ihnen widersprechen. Das ist nicht schwierig, sondern wunderbar so“, erwidere ich lächelnd. „Wir beweisen seit Jahren, dass es geht.“ Seit ich vor vielen Jahren zur Volksbank Mittweida in Sachsen gestoßen bin, begegnet mir dieses ungläubige Staunen immer wieder. Doch es ist wahr: Es ist uns gelungen, was viele für so schwierig halten. Unser Haus schreibt sehr gute Zahlen, wir haben eine große und immer noch wachsende Anzahl zufriedener Kunden und hochmotivierte Mitarbeiter. Manche nennen das ein Wirtschaftswunder angesichts der Umstände, unter denen wir uns bewähren müssen. Wir nennen es – durchaus mit Stolz – einfach nur das Ergebnis unserer Arbeit. Wir sind weder Superhelden noch Raketenwissenschaftler. Wir sind ganz normale Menschen. Und doch ist es uns gelungen, positive Entwicklungen bei uns vor Ort anzustoßen. Ich weiß deshalb aus Erfahrung, dass „schwierig“ ein relatives Wort ist. Ich weiß, dass es möglich ist, die Zeiten, die viele als schwierig empfinden, ganz anders zu sehen. Und ganz anders darin zu agieren. Nämlich Dinge voranzubringen, anstatt zu seufzen. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch schreibe. Ich sehe so viel wirtschaftliches und gesellschaftliches Potenzial in diesem Land, das ungenutzt bleibt. Ich sehe so viele Möglichkeiten, die nicht ergriffen werden. Ich sehe so viele großartige Menschen, die weit mehr können, als sie sich heute zutrauen. Deshalb bin ich überzeugt, dass gerade in diesen Zeiten 100.000 Wirtschaftswunder in Deutschland möglich sind. Wie ich zu dieser Überzeugung komme und warum dieses Land eine großartige Zukunft haben kann, das will ich Ihnen in den folgenden Kapiteln darlegen. Und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mit mir an dieser Zukunft arbeiten möchten. Denn wir leben in einem nie gekannten Wohlstand. Dabei geht es bei Weitem nicht nur um den materiellen Reichtum. Es geht auch und vor allem um den inneren Reichtum in dieser Gesellschaft, um die Vielfalt der Traditionen und die Erneuerungskraft, die in uns steckt. Dies alles ist es wert, dass wir uns für den Erhalt einsetzen. Und das gilt auch und besonders für unsere Gesellschaftsform, in der jeder Chancen bekommt und sie nutzen kann. Sie ist ein Erfolgsmodell, für das sich nach wie vor die meisten Deutschen begeistern können. … Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass vieles geht, von dem andere annehmen, dass es nicht geht. Dass es im Kleinen wie im Großen möglich ist, Zukunft zu gestalten. Diese Erfahrung will ich weitergeben, um dieses Land zu ermutigen. Denn es gibt eine Idee, die es uns erlaubt, die Zukunft eben nicht den Großen zu überlassen. Die es uns erlaubt, unsere Welt so zu gestalten, dass ein lebenswertes Leben auf Dauer möglich ist. In der Stadt und im ländlichen Raum. Heute, morgen und übermorgen. Wir haben jetzt die Verantwortung dafür. Und es sind jetzt wunderbare Zeiten, um genau dieses Ziel anzugehen. … PT-MAGAZIN 3/4 2020

7 PT-MAGAZIN 3/4 2020 Der Unterschied Ein Kongresszentrum irgendwo in Deutschland. Bei der bundesweit organisierten Veranstaltung ist gerade Pause. Etwa zwanzig Bankvorstände stehen, mit ihren Kaffeetassen in der Hand, in großer Runde zusammen. „Wie sollen wir nur mit dieser ausufernden Regulatorik klarkommen? Die bringt uns noch um“, verkündet einer und alle anderen nicken. „Und das in diesen Zeiten, wo uns die Digitalisierung das Leben eh schon so schwer macht. Wie soll das gehen?“, nimmt ein zweiter den Ball auf. Wieder nicken alle, mehrere murmeln zustimmend. „Von der Niedrigzinspolitik ganz zu schweigen …“, wirft ein dritter ein. So geht das eine ganze Zeit. Ein jeder hat etwas zum allgemeinen Jammern beizutragen. Ich höre mir das eine Weile an und melde mich dann zu Wort: „Ich hätte da auch mal eine Frage.“ Alle Augen sind auf mich gerichtet. „Wer kennt einen erfolgreichen Lamentierer?“ frage ich und schaue in die Runde. Kurze Pause. Einige fangen an zu lachen, die anderen lassen sich nach kurzem Zögern davon anstecken. Beantwortet hat mir die Frage keiner, aber das Jammern wird sofort beendet. Die Stimmung hat sich mit einem Schlag verändert. Wer jammert und sich ärgert, der richtet seine Energie auf das Beklagen des Problems und nicht auf seine Lösung. Die Energie bleibt quasi am Problem kleben. Das Jammern erzeugt noch dazu eine Stimmung, die ansteckend ist. Wie in einem Korb mit Äpfeln, in dem ein fauler ist, pflanzt sich das Jammern in einer Gruppe fort, sobald einer damit anfängt. Deshalb sehen klassische Meetings oft so aus: Die ersten fünfzig Minuten beklagen die Teilnehmer die kritische Situation, bis einer auf die Uhr sieht und sagt: „Oh, wir haben nur noch zehn Minuten.“ Hektik bricht aus und bis alle auf das Lösungsdenken umgeschaltet haben, ist das Meeting bereits vorbei. Ein Wundermacher sollte deshalb aufpassen, dass nicht auch er in den Chor mit einfällt und seine Energie an das Problem anstatt an die Lösung fesselt. Denn für jedes Problem gibt es eine Lösung. Falls Sie den vorangehenden Satz etwas ungläubig gelesen haben: Doch, das ist so. Denn wenn es für ein Problem keine Lösung gibt, dann ist es kein Problem, sondern eine Rahmenbedingung – und die erfordert eine andere Haltung im Umgang. „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch“, sagte einst Karl Valentin. Das ist genau der Unterschied zwischen Problem und Rahmenbedingung. Sie können nichts daran ändern, dass es regnet. Ob Sie sich freuen oder nicht, ob Sie sich ärgern oder nicht, hat keine Auswirkung auf das Wetter. Es hat nur Auswirkung auf Sie. Und im Fall, dass Sie sich ärgern, bedeutet das, dass Sie fruchtlos Energie investieren. Karl Valentin war da schon auf der richtigen Spur: Wenn Sie sich über den Regen freuen, dann finden Sie auch eine positive Lösung. Sie holen sich Schirm und Regenmantel und genießen Ihren Spaziergang draußen erst recht. Noch deutlicher hat es einer ausgedrückt, der nicht als der große Philosoph bekannt ist, sondern als herausragender Sportler. Boris Becker sagte 1989 bei seinem ersten Sieg in Flushing Meadows: „Du musst dieses Turnier lieben, wenn du hier gewinnen willst. Du musst es lieben trotz des Fluglärms über dir, du musst es lieben trotz der hysterischen Zuschauer, trotz des Betonkessels und trotz der Affenhitze. ... Wenn du es nicht lieben kannst, gehst du besser vom Platz.“ Die viel beklagte Regulatorik zum Beispiel bietet auch Schutz und Chance. Ähnliches gilt für die Digitalisierung, die Niedrigzinspolitik, das veränderte Kundenverhalten und für so vieles mehr – innerhalb und außerhalb der Bankenwelt. Keine Rahmenbedingung ist ausschließlich schlecht. Doch wenn Sie zu Ihren Rahmenbedingungen keine positive Haltung entwickeln und sich ärgern, dann mindern Sie nicht nur Ihre Erfolgschancen, weil Sie keine Energie für die Lösungsfindung übrig haben. Sie geben auch und vor allem Ihre Macht ab. ˘ © www.piqsels.com

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