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PT-MAGAZIN 03-04 2020

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Keine Angst vor Krisen. Nominierungsliste 2020 des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes". Motto: Lösungen finden

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14 Gesellschaft © www.piqsels.com Martin Weizmann, ein US-amerikanischer Ökonom, führte den Begriff bereits in den 1980er Jahren ein. Die Internetagentur SinnerSchrader griff ihn dann anlässlich ihrer Next-Konferenz 2009 wieder auf. Im Jahr 2013 verstärkte sich die Wahrnehmung des Begriffs nochmals enorm, als das Davoser World Economic Forum sowie die damals weltgrößte IT- Messe Cebit in Hannover die Sharing Economy jeweils zum zentralen Thema erhob. Von Anbeginn an war die Sharing Economy damit also kein eindeutig definiertes Phänomen – geschweige denn ein abgegrenzter Wirtschaftsbereich. Stattdessen ist die Sharing Economy äußerst facettenreich. Bereits die breite Fülle an synonym verwendeten Begriffen deutet diesen Facettenreichtum an. So beschrei- Sharing Economy Teile und profitiere IKEA und OTTO machten unlängst Schlagzeilen, sie wollen nun Möbel verleihen. Auch Tchibo, ehemals Kaffee-Röster, erntete Medien-Applaus, weil er Kinderkleidung verleiht. Die Idee der Sharing Economy kommt also immer mehr ins Rollen. Dabei versetzt die Corona-Krise dem Thema nochmal neue Impulse. Mit dem schnell angewachsenen Interesse an Digitalisierung werden nun ganz neue Ideen rasend schnell realisiert und damit sogar auch bislang zurückhaltend konservative Milieus überzeugt. Insgesamt scheinen die Medien und damit die Öffentlichkeit ein Faible für diese Idee des neuen Teilens entwickelt zu haben. Hochrenommierte Wirtschaftsmagazine lassen die Doyens der Sharing Economy hochleben. Beispielsweise landete Brian Chesky, Gründer des Buchungsportals Airbnb, und einer der bekanntesten Protagonisten der Szene, seit 2013 bereits mehrfach auf dem Deckblatt der Forbes. Ganz passend dazu werden junge Unternehmen, die sich selbst als Sharing Economy deklarieren, deren eigentliches Geschäftsmodell aber teilweise nur wenige Spezialisten wirklich durchdringen, mit schwindelerregend hohen Bewertungen angesetzt. Diese Bewertungen basieren zumeist nicht auf robusten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen, spiegeln stattdessen eher Hoffnung auf eine rosarote Zukunft – zumindest vor der Corona-Krise. Große Versprechen stehen im Raum Die genannten Phänomene verdeutlichen, dass die Sharing Economy in der Öffentlichkeit überaus positiv aufgenommen wird. Dabei sind weder die Idee noch der Begriff so neu, wie man vermuten könnte. Hohe Bewertung weltweit wertvollster nicht-börsennotierter Unternehmen, USD Mrd. Quellen: boerse.de; CB Insights; Stand: 09/19.

15 ben die Diskussionen die Sharing Economy oft auch als Nachhaltigkeitswirtschaft, Null-Grenzkosten-Gesellschaft (ein insbesondere vom US-amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin geprägter Begriff), Ko-Konsum oder auch konstruktiver Kapitalismus. All diese synonym verwendeten Begriffe deuten die Hoffnung an, dass die Wirtschaft bald deutlich sozialer und ökologischer werden könnte, als dies bislang im neoliberalen Wirtschaften der neo-proprietistischen Gesellschaft (so nennt Thomas Piketty, franz. Volkswirt, Autor des vielzitierten Buches „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, in seinem aktuellen Buch „Kapital und Ideologie“ den heutigen Stand unserer Gesellschaft) erreicht wird. Dazu passend entstehen unter dem Banner Sharing Economy nicht nur wirtschaftliche sondern auch gesellschaftliche und wissenschaftsnahe Initiativen, wie i-share (ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes kooperatives Forschungsprojekt, bei dem sich unter anderem Forscher der Universität Augsburg, der Universität Mannheim, der Universität Göttingen, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Hertie School of Governance in Berlin beteiligen) und Auszeichnungen, wie der Oui- Share Award (OuiShare selbst ist eine im Jahr 2012 in Paris gegründete Non-Profit- Organisation, die sich die Verknüpfung von Initiativen aus dem Bereich Sharing Economy zur Aufgabe gemacht hat). Euphorie breit geschürt In einer durchaus euphorischen Grundstimmung setzten die Doyens des Sharing darauf, dass die politischen und wirtschaftlichen Entscheider ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Damit werden sie unter anderem den Werktätigen eine bessere Work-Life- Balance als bislang einräumen und auch sparsamer mit Ressourcen umgehen. Darüber hinaus sprechen einige Doyens sogar von der Sharing Economy als Überwindung des vom Egoismus geprägten neoliberalen Kapitalismus (auch als „Raubtierkapitalismus“ bezeichnet) mit dessen negativen Seiten, hin zu einer neuen sozialen Wir-Kultur. Grundsätzlich ist die Sharing Economy mit dem Versprechen verbunden, dass Ökonomie, Ökologie und Sozialverantwortung in eine harmonische Balance gelangen. Eine Basis dieser Vision ist die empirische Beobachtung. Danach liegen in zahlreichen Bereichen beachtliche Kapazitäten über längere Zeiträume brach. Beispiele hierfür sind Spezialwerkzeuge, Fahrzeuge, Wohnraum oder auch Kleidung für spezielle Anlässe. Die Idee geht auf Elinor Ostrom, Wirtschaftsnobelpreisträgerin 2009, zurück. Diese beschrieb bereits in den 1990er Jahren, dass in einer Volkswirtschaft wesentliche Effizienzsteigerungen möglich wären, wenn die Nutzung nicht zwangsläufig das Eigentum an einer Sache voraussetzen würde. Unter diesen neuen Voraussetzungen würden freie Kapazitäten dann über den Markt für Nutzungsrechte gehandelt. Stückkosten sinken typischerweise bei digitalisierten Gütern Quelle: Eigene Darstellung. Diese bald 30 Jahre alte Idee erhält durch den technischen Fortschritt aktuell eine neue Dynamik. Erst die heutige innovative Technik, im Zusammenhang mit der Digitalisierung, ermöglicht es, dass ehemals für die Theorie erdachte Skalenerträge nun auch tatsächlich gehoben werden können. Speziell geht es darum, dass die Stückkosten der digitalisierten de-materialisierten Gütern bei einer Ausweitung der Produktion immer weiter fallen; das heißt: jedes weitere Teil kann zu geringeren Kosten erstellt werden, als das vorhergehende. Demgegenüber steigen die Stückkosten bei der Produktion haptischer Gütern nahe der Kapazitätsgrenze und dann insbesondere auch bei Überlast wieder schnell an. Neben diesem Vorteil, den innovative Technik in der Produktion eröffnet, kommt noch der wesentliche Vorteil der Neuerungen in der Distribution hinzu. So schaffen es heutige leistungsfähige Platt- formen immer besser, größtmögliche Transparenz immer, überall, mobil und in Echtzeit zu gewährleisten. Angebot und Nachfrage können damit immer schneller und damit auch zu immer geringeren Transaktionskosten zusammenkommen. Beispielsweise erinnern sich wohl nur noch die Älteren unter uns an abgedruckte Annoncen, bei denen Mitfahrer bzw. Mitfahrgelegenheiten lange vor der Fahrt gesucht wurden. Heute braucht es dafür nur noch einen Klick unterwegs auf dem Smartphone genau zu der Zeit, zu der Fahrtangebot und –Nachfrage tatsächlich bestehen. Geschäftsmodelle kommen vielfältig ins Rollen Diskussionen zur Sharing Economy verbeißen sich häufig an Airbnb und Uber – die durchaus auch negativ konnotiert sind. Im Schlagschatten von Airbnb und Uber wird dann oft übersehen, dass unter der Flagge der Sharing Economy heute bereits ein sehr buntes Spektrum von Angeboten in einem breiten Spektrum von Branchen segelt. Dieses Spektrum reicht vom Verleihen und Verschenken über Tauschbörsen und Car-Sharing, bis hin zur gemeinschaftlichen Nutzung von Wohn- beziehungsweise Büroräumen sowie dem gemeinschaftlichen Finanzieren und Versichern. Aus dieser bunten Fülle der Geschäftsmodelle hier eine winzig kleine Auswahl: AHOY (Kurzzeit-Vermietung vollausgestatteter Büros), Betterplace.org (gemeinschaftliches Spendensammeln für lokale Projekte), Blablacar (Mitfahrgelegenheiten), Car2Go (Carsharing von Daimler und Europcar), DriveNow (Carsharing von BMW und Sixt), Friendsurance (Versicherungen teilen), Kleiderkreisel (Second-Hand-Kleidung), Roomovo (Möbelverleih), Seedmatch (Gründungsfinanzierung im Frühstadium), Tamyca (privates Carsharing), Wifis.org (WLAN- Zugang). Bereits diese kleine Auswahl deutet an, dass die Angebote der Sharing Economy sich deutlich in der notwenigen Basis-Technik, dem geografischen Bezug und auch in der persönlichen Bindung an eine Gemeinschaft stark unterscheiden. ˘

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