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P.T. MAGAZIN 02/2015

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Gesellschaft 8 in Hessen

Gesellschaft 8 in Hessen veranschlagt RWE 235 Millionen Euro. Möglich wurde die Forderung durch Fehler in der hessischen Stilllegungsverfügung. Zudem kam es kurz vor dem Auslaufen des Moratoriums 2011 zu einem Briefwechsel zwischen dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier und RWE-Chef Jürgen Großmann in dem Bouffier ein Wiederanfahren von Biblis ausschließt und den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft ankündigt. Dieser Briefwechsel soll auch den Schadenersatzansprüchen der anderen Energieversorger zum Vorteil gereichen. Auffallend an den Klagen ist der Umstand, dass nicht auf eine Aufhebung des Atomausstiegs geklagt wird. Grande Nation Atomique Westlich des Rheins umfasst das „savoir vivre“ nicht nur Wein und gutes Essen, sondern auch einen guten Teil Radioaktivität. Frankreichs Verhältnis zur Kernenergie ist ein grundlegend anderes als das in Deutschland, und das nicht erst seit den weltweit kritisierten Kernwaffentest im Mururoa-Atoll im Jahr 1995. Seit den Zeiten Charles de Gaulles hat man sich in Frankreich darauf konzentriert, weitestgehend unabhängig von fossilen Brennstoffen Energie zu produzieren. Bereits Mitte der 50er Jahre gingen die ersten Atommeiler ans Netz und bis heute sind zahlreiche weitere hinzugekommen. Gut 75% beträgt der Anteil der Atomenergie an der gesamten elektrischen Energie Frankreichs. Damit hat Frankreich im weltweiten Vergleich eine der höchsten Quoten. Etwa 125.000 Menschen arbeiten in der französischen Atomwirtschaft, damit verbunden ist ein erhebliches ökonomisches aber auch soziales Potenzial. Die Kernenergie als Brötchengeber, in Frankreich ist das keine Seltenheit, weswegen auch die gesellschaftliche Akzeptanz in Frankreich eine andere ist. Diese Akzeptanz hat sich durch die Ereignisse von Fukushima zwar gewandelt, jedoch nicht grundlegend verändert. Umfragen bestätigen zwar, dass die Bevölkerung Kernenergie als gefährlich ansieht, gleichsam jedoch das zuständige Personal als ausreichend qualifiziert einschätzt, diese Gefahr zu beherrschen. Damit steht die Atomenergie in Frankreich zwar nicht zwingend im besten Licht, aber doch relativ sicher, erfährt sie durch die Politik doch breite Unterstützung. Réduction de l’énergie nucléaire? Oui! Mais… Trotz seiner starken Nutzung der Atomkraft hat Frankreich im Oktober 2014 ein Gesetz zur Energiewende beschlossen. Inhalt dieses Gesetzes die Reduzierung des Atomstroms bis 2025 von den gegenwärtigen 75 auf 50%. Klingt als würde sich Frankreich schrittweise von der Kernenergie abwenden, stimmt allerdings nur theoretisch: der Gesetzestext spricht zwar von einer Reduzierung, enthält im Kleingedruckten jedoch ein großes „aber“. So steht geschrieben, dass die gegenwärtige Stromproduktion aus Atomkraft von 63,2 Gigawatt nicht überschritten werden darf. Selbst wenn also andere Energiebranchen (Erneuerbare Energien etc.) in Relation mehr Strom erzeugen sollten, wird das die Einspeisung von Atomstrom ins Netz von 63,2 Gigawatt Grafik: PublicDomainPictures/ pixabay.com/CC0 Public Domain Neue Ziele: Japan bereitet sich auf Olympia 2020 vor und will Fukushima vergessen machen. nicht verhindern. Für die Regierung birgt dieser Zug gleich mehrere Vorteile. Offiziell löst man das Quasi-Monopol der Atomlobby auf. Gleichzeitig müssen weder Kraftwerke heruntergefahren noch Mitarbeiter entlassen weder. Zu guter Letzt hat Frankreich auch noch das Ziel, seinen Ausstoß von Treibhausgasen um 75% zu reduzieren, ein Weg, der sich in der recht einseitig entwickelten französischen Energiewirtschaft nur mit der klimafreundlichen Atomkraft beschreiten lässt. Da Frankreich aufgrund seiner jahrzehntelangen Nutzung von Atomkraft auch große technologische Expertise besitzt, zählen alle Länder, die günstig schadstoffarmen Strom erzeugen wollen, zu den besten Kunden der Grande Nation und kurbeln deren Wirtschaft an. Frankreich wird also auch weiterhin auf Atomkraft setzen und solange ernste Zwischenfälle ausbleiben, werden Kritiker vor allem in Hinblick auf die wirtschaftliche und ökologische Bedeutung der Kernenergie kaum beachtet. Atomriesen in Asien Trotz der bekannten Risiken ist für viele Länder Atomkraft ein elementarer Bestandteil der wirtschaftlichen und damit auch sozialen Entwicklung. Das gilt insbesondere für die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde, China und Indien. Regelmäßig werden Berichte und Bilder veröffentlicht, die chinesische Großstädte in trübem und giftigem Nebel zeigen. Smog ist ein massives Problem in China, das durch die wachsende und schnelle Industrialisierung des Landes verursacht wird. Um diese weiter voranzutreiben, braucht China Energie. Diese kann jedoch nur aus fossilen und erneuerbaren Energiequellen – trotz riesiger Wasserkraftwerke – nicht ausreichend bereitgestellt werden. Dazu kommen massive CO2-Emissionen und die chinesische Selbstverpflichtung diese bis spätestens 2030 zu reduzieren. Damit bleibt auch hier nur die Lösung AKW. 15 sind es derzeit in China, 71 sollen es bis 2020 werden. Diese Zahlen belegen nicht nur Chinas Energiebedarf sondern gleichsam auch, dass ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum ohne Atomkraft für China nicht vorstellbar ist. Ähnlich verhält es sich in Indien. Knapp 40% der Bevölkerung leben derzeit noch ohne elektrischen Strom. Um diese überhaupt mit Strom versorgen zu können, muss die Energiebranche wachsen. Allerdings reichen die Kohlevorkommen in Indien nicht einmal annähernd P.T. MAGAZIN 2/2015 P.T. MAGAZIN 2/2015 für dieses notwendige Wachstum aus. Deshalb ist neben einer flächendeckenden Nutzung von Solarkraft auch der Ausbau von Atomenergie geplant. Bis 2020 soll die Energieproduktion von jährlichen 5.000 Megawatt auf 20.000 Megawatt erhöht werden. Was danach passieren wird ist offen. Ein Rückfahren der Atomenergie oder gar Ausstieg ist aufgrund der wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung allerdings sehr unwahrscheinlich. Altlasten und neue Ziele Vier Jahre nach dem Super- GAU von Fukushima klagen noch immer Betroffene gegen den Betreiberkonzern Tepco. Dabei geht es im Wesentlichen darum, dass Tepco aufgrund unzureichender Sicherheitsmaßnahmen gegen den Tsunami, die anschließende Kernschmelze zu verantworten habe. Die Sammelklagen verschiedener Opfer wurden mehrfach abgewiesen. Die Begründung hierfür lautet, dass Tepco selbst mit besseren Sicherungsmaßnahmen die Kernschmelzen möglicherweise nicht hätte verhindern können. Vielleicht hätte die Katastrophe tatsächlich nicht verhindert werden können. Was jedoch die Aufarbeitung und den Umgang mit Fukushima und Atomkraft sowie deren etwaige zukünftige Nutzung angeht, bleiben Zweifel. Wie genau es in den Reaktoren und auf dem Kraftwerksgelände aussieht, ob man die Lage dort im Griff hat, ist weiterhin unklar. Sehr viel klarer ist dagegen die Situation außerhalb des zerstörten AKWs. Japan fährt seine Atomreaktoren wieder an, Lebensmittel aus Fukushima werden Frankreich: • 75% des Stroms aus Atomenergie • 125.000 Angestellte im Bereich der Kernenergie • Reduzierung des Atomstroms bis 2025 von 75 auf 50% • Atomausstieg nicht in Sicht wieder ausgefahren. Die Bevölkerung gibt sich laut offiziellen Umfragen optimistisch, dass Politik und Energie-Unternehmen ihre Lehren aus dem Unglück gezogen haben, und mit fachlicher Kompetenz und neuen Sicherheitsstandards eine weitere Katastrophe zu verhindern wissen. Generell richtet man den Blick in Japan derzeit nach vorn, 2020 werden in Tokyo die Olympischen Sommerspiele ausgetragen. Zu diesem Zeitpunkt wird die Entsorgung der radioaktiven Reste von Fukushima noch mehr als 20 Jahre in Anspruch nehmen. Japan sieht die Konsequenzen aus Fukushima Deutschland: • Abschaltung von acht AKWs im August 2011 • Förderung alternativer Energien • Geprellte Energieversorger fordern hohe Entschädigungen • Endgültiger Ausstieg aus Atomkraft bis 2022 Japan: • 150 Mrd. Euro Schäden • Abschaltung aller AKWs von 2011-2014 • Massiver Kostenanstieg im Bereich fossiler Brennstoffe • Rückkehr zur Atomenergie ab 2015 Olympischen Spiele als große Wende, als Gelegenheit zu beweisen, was man zu leisten im Stande ist. Japans Wille, in diesem Jahr ein Zeichen zu setzen, ist groß. Man wird sich und der gesamten Welt weniger beweisen müssen, dass man ein hervorragender Gastgeber ist. Vielmehr muss Japan beweisen, dass Atomkraft ein sicherer und zukunftsfähiger Energielieferant ist, eine Aufgabe gegen die ein Olympiasieg wie ein Kinderspiel anmutet. • Gunnar Marquardt Grafik: J. Schulz / OPS Netzwerk GmbH

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