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P.T. MAGAZIN 02/2014

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(Foto: University of Salford/flickr.com ) Die neue Mündigkeit Der Trendforscher Gábor Jánszky über einen neuen Freiheitsbegriff, eine neue Form der schulischen Bildung und schlechte Aussichten für diejenigen, die das nicht wahrhaben wollen Gesellschaft 12 Wir haben die Wahl, jeden Tag. Zwischen Äpfel und Birnen, rot und schwarz, Daimler und BMW, C-Klasse oder E-Klasse. Bis in den letzten Alltagswinkel leuchten uns die Entscheidungsmöglichkeiten entgegen, die wir – lediglich unserem Gewissen, unseren Interessen und eventuell dem Geldbeutel verpflichtet – nutzen können. Diese selbstverständliche Freiheit westlicher Gesellschaften ist ein hart erkämpftes Gut, um das uns viele beneiden. Doch für uns stellt sich vor lauter Qual der Wahl eine andere Frage: Was, wenn wir eine Freiheit möchten, die jenseits aller Produktkataloge und Wahlprogramme dieser Welt liegt? Was, wenn wir uns tatsächlich nicht die Freiheit von den Millionen Optionen diktieren lassen möchten – sondern uns die Freiheit nehmen, „nein“ zur Wahl zu sagen? Ist das nun antidemokratisch? Nein, sagt der Trend- und Zukunftsforscher Gábor Jánszky. Es ist, im Gegenteil, eine neue Qualität von Freiheit, auf die sich Unternehmer, Pädagogen und Politiker zukünftig einstellen sollten. Eine Trend analyse. Nichtwähler - der missachtete Megatrend in Politik und Wirtschaft Die Wahlen zum europäischen Parlament stehen vor der Tür und die Mahner bereits in den Startlöchern: Wir Bürger müssten doch unbedingt zur Wahl gehen. Experten fordern die Wahlpflicht, und Moderatoren tun so, als seien Nichtwähler eine Problemgruppe von Pflichtverweigerern. Dabei verkennen sie einen der prägendsten Trends unserer Zeit: Das Nicht-Wählen ist keinesfalls ein Übel, sondern es ist einer der höchsten Freiheitsgrade in unserer Gesellschaft. Was oft vergessen wird: Auch der, der nicht wählt, wählt. Das ist keine banale Binsenweisheit, denn das Freiheitsempfinden der Menschen zur Nicht-Wahl prägt sowohl Politik als auch die Wirtschaft. Wer das nicht versteht, der versteht seine Kunden nicht. Und manche Unternehmer täten gut daran, ihre Produkte an das Freiheitsempfinden der Nicht-Wähler anzupassen. Was ist Freiheit? Ich kann mich sehr genau an jenen Tag erinnern, an dem ich verstand, was Freiheit heißt. Es war im Januar 1988. Ich war gerade 15 Jahre alt geworden. An jenem Abend saß ich vor dem Fernseher und schaute Westnachrichten. In der Tagesschau demonstrierten zehntausende Ost-Berliner für den Sozialismus. Es war die traditionsreiche Liebknecht- Europa Wahlen in Deutschland (Ergebnisse unter Berücksichtigung der Nichtwähler) 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% 1979 1984 1989 1994 2009 wählten 56,7 Prozent, nicht zu wählen. Dass diese „antidemokratischen“ Nestbeschmutzer damit auch eine Wahl getroffen haben, wird geflissentlich übersehen. 1999 2004 2009 56,7% Nicht wähler SPD CDU/CSU Grüne FDP Linke 16,0% 8,8% 5,1% 4,6% 3,2% (Grafik: OPS Netzwerk GmbH/F.Enge) Luxemburg-Demonstration, bei der die DDR-Staatsführung alljährlich am zweiten Januarwochenende an jene Freiheitskämpfer erinnerte, die bei ihrem Kampf um eine bessere Welt ermordet wurden. Doch dann zeigte die Kamera ein Plakat: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ stand darauf. Es war ein Zitat von Rosa Luxemburg. Jene ermordete Kommunistin und Arbeiterführerin, der gerade mit großem Pomp von SED und Politbüro gedacht wurde, hatte einst solch einen klugen Satz geschrieben. Das Plakat wurde nur Sekunden später durch Stasi-Aufseher eingeholt, die Träger verhaftet und verurteilt. Es war dieser winzige Moment vor dem Fernseher, der mir und vielen meiner gleichaltrigen Freunde bewusst machte, dass die Realität dieses Sozialismus diametral jenen Zielen entgegenstand, für die jene ihr Leben gelassen hatten, die wir so euphorisch feierten. In diesem Moment verstand ich: Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden! Ist Freiheit immer noch Freiheit? Doch was können wir mehr als 20 Jahre später über die Zukunft der Freiheit sagen? Nachdem wir sie erreicht haben. Nachdem wir frei sind, zu sagen was wir wollen, zu wählen welche Partei wir wollen, zu kaufen welches Auto wir wollen. Nachdem meine eigene Tochter sich zum Glück nicht an einen einzigen Tag in Unfreiheit erinnern kann. Ich habe die Antwort erst vor kurzem gefunden. Es war während der Strategietagung des Vorstands eines großen deutschen Handelskonzerns. Wie so oft war ich eingeladen, um vor den Vorständen einen Vortrag über ihre Geschäftsmodelle der Zukunft zu halten und mit ihnen über ihre künftige Strategie zu diskutieren. Ich erklärte ihnen, dass wir uns in einem tiefgehenden Wertewandel befinden, der keinesfalls bedeutet dass unsere Jugend alle Werte verliert. Im Gegenteil: Die wichtigen Wertbegriffe bleiben! Doch es verändert sich das, was wir darunter verstehen und was wir tun P.T. MAGAZIN 2/2014 P.T. MAGAZIN 2/2014 müssen, um den Wert zu erreichen. Einer der Vorstände erwiderte unwirsch, dass das Unsinn sei. Der größte Wert seines Unternehmens sei die Freiheit und was sie darunter verstehen, sei unveränderbar und ewig: Sein Unternehmen verstehe seine Kunden als mündige Konsumenten, die im liberalisierten Markt souverän zwischen verschiedenen Marken, Preisklassen und Qualitätssegmenten wählen können. Sein Unternehmen werde dafür gebraucht, da es jene Infrastruktur besitze, die den Konsumenten jene freie Wahl ermöglicht. Es war eine tolle Rede! Die Anderen applaudierten. Das Problem ist: Er irrt! Die höchste Form von Freiheit: Nicht wählen zu müssen! Seine Aussage wäre vor 60 Jahren richtig gewesen. Heute hat er ein zentrales Element von Freiheit einfach vergessen. Denn neben der Möglichkeit der Wahl gehört zur Freiheit ebenso, dass es keinen Zwang zur Wahl gibt. In der Demokratie bedeutet Freiheit nicht nur, dass wir als Wähler unser Kreuz bei einer Partei machen können. Sondern die Möglichkeit kein Kreuz zu vergeben, also nicht zu wählen, ist ein ebenso wichtiger Teil der Freiheit. Die Freiheit nicht nutzen zu müssen, ist vielleicht die höchste Form der Freiheit. Die gesellschaftliche Logik ist dabei sehr menschlich: Je jünger und verletzlicher die Gesellschaft und ihre Freiheit ist, desto wichtiger ist den Menschen die Möglichkeit der Wahl. Je älter aber die Gesellschaft und je selbstverständlicher die Freiheit ist, desto wichtiger wird uns die Möglichkeit der Nichtwahl. Nicht-Wahl prägt auch die modernen Geschäftsmodelle der Wirtschaft Interessanterweise funktioniert unter den Kunden des irrenden Vorstands die Freiheit genau wie in der Gesellschaft. In liberalisierten Branchen mit einer Vielzahl von Produkten, Preisen und Marken steigt die Neigung der Kunden, sich nicht an eine einzige Infrastruktur zu binden. Die Schule der Zukunft: Programmieren als Kulturtechnik. In vielen Branchen entstehen derzeit sogenannte OTT-Modelle (over-the-top), die die Infrastruktur von den Geschäftsmodellen trennen: Zeitungsverlage und TV-Sender können genauso ein Lied davon singen wie Versandhandel und Musikindustrie. Auch die Automobilbranche sieht sich mehr und mehr jungen Kunden gegenüber, die kein eigenes Auto mehr kaufen wollen. Stattdessen nutzen sie intelligente Carsharing-Konzepte. Das Autofahren wird zur adaptiven Dienstleistung, die sich je nach Nutzungssituation der Kunden verändert. Freiheit verändert Ihre Gestalt Solange „Andersdenkende“ keine Wahlmöglichkeit haben, ist es Freiheit, diese mit Wahlmöglichkeiten zu versehen. In der Wirtschaft entstehen die besten Geschäftsmodelle in dieser Zeit durch die Deregulierung von Branchen und das Auflösen von Monopolen. Dies ist die Zeit der großen Marken, die Identifikationsfläche für „Andersdenkende“ bieten. Doch nachdem die Wahlfreiheit zur Selbstverständlichkeit geworden ist, verändert die Freiheit ihre Gestalt. Dann wird statt einer dauerhaften Festlegung auf eine Partei oder ein Produkt die (Foto: Kaplan International English/flickr.com) permanente und adaptive Wechselmöglichkeit oder gar die Verweigerung der Wahl und des Konsums zur Freiheit. Die Folge ist der langsame Niedergang von starren und unbeweglichen Marken. Die Folge ist das Aufkommen adaptiver Produkte und Services, die sich sowohl individuell an den Nutzer als auch situativ an den Moment der Nutzung anpassen. Oder anders gesagt: Freiheit wird nicht mehr auf der Makroebene definiert, sprich nicht mehr vom Markt, von Marken, von Parteien oder Systemen. Sondern vom Individuum. Und wer in Zukunft Freiheit bei Wählern, Kunden oder sich selbst erreichen will, der muss anders handeln als früher. Diese Vorzeichen gelten in gleichem Maß auch für das Bildungs system. Das neue Bild von Bildung In den kommenden Jahren wird unsere Vorstellung des Lebens in dieser Welt stärker verändert werden, als wir es uns bisher wohl vorstellen. Das klingt pathetisch und ist dennoch wahrscheinlich. Der Grund ist klein und durchsichtig: Google Glass, die Brille mit der wir ab diesem Jahr die reale Welt nur noch durch die „Intelligenz“ eines Computers wahrnehmen werden. Zwei kleine Epi

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