Aufrufe
vor 6 Jahren

P.T. MAGAZIN 02/2013

  • Text
  • Unternehmen
  • Magazin
  • Deutschland
  • Stadt
  • Wirtschaft
  • Welt
  • Gesellschaft
  • Menschen
  • Mitarbeiter
  • Deutschen
Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

„Hier kündigt

„Hier kündigt keiner!“ Zertifiziert, transparent, beliebt - Urananreicherung in Deutschland (Foto: www.euregio.de) Wirtschaft Gronau (Westf.) ist der Sitz des deutsch-niederländischen Kommunalverbands EUREGIO , der ersten 1958 gegründeten grenzüber schreitenden Europaregion Eigentlich war 1985 kein besonderes Jahr. In Hessen gewann erstmals eine rotgrüne Landesregierung und mit ihr der spätere Vizekanzler Joschka Fischer. In der Sowjetunion wurde der Reformer Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU. Das Time Magazine kürte den damals 81-jähringen chinesischen Reformer Deng Xiaping zum Mann des Jahres. Rockmusiker Bob Geldof organisierte Life Aid, das bis dahin weltgrößte Benefizkonzert der Geschichte. Das Wrack der Titanic wurde entdeckt. Großbritannien trat aus der Unesco aus und Grönland verließ die Europäische Gemeinschaft. Staatsvertrag von Almelo Und ebenfalls 1985 nahm die erste und einzige deutsche Urananreicherungsanlage in Gronau (Westf.) den Betrieb auf. Vorausgegangen war der Staatsvertrag von Almelo von 1970. Für Deutschland unterzeichnete der damalige Vizekanzler Walter Scheel das gemeinsame Vorhaben der „Troika“ Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden, um die Zentrifugentechnik zur Urananreicherung zu entwickeln und kommerziell zu nutzen. Dafür wurde die Urenco Ltd. mit Sitz im britischen Marlow, westlich Londons, gegründet. Großbritannien und die Niederlande halten direkt je ein Drittel der Ltd.- Anteile. Für Deutschland teilen sich die bisherigen deutschen Atomkraftwerksbetreiber RWE und E.ON das dritte Drittel. Beide wollen nun nach dem 2011 verkündeten Atomausstieg der deutschen Regierung ihre Anteile abstoßen. Das ist aber wegen der völkerrechtlich vereinbarten Unternehmenskonstruktion mit tri-nationaler Inhaberschaft, der Verteilung auf Standorte in allen drei Ländern und mehrfach verschränkte Kontrollmechanismen nicht so unproblematisch wie der Verkauf eines Autos oder eines Aktienpakets. In der Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion DIE LINKE (Drucksache 17/11975) streicht die Bundesregierung daher den „weltweiten Vorbildcharakter von Urenco im Hinblick auf Nichtverbreitung und Technologieschutz“ heraus, der „auch künftig erhalten werden“ muss. Nicht an Iran oder Pakistan Wer den Atomwaffensperrvertrag ernst nimmt und durchsetzen will, darf nicht die Schließung der Urenco Deutschland GmbH in Gronau verlangen, sondern muss gerade den Weiterbetrieb unterstützen. Urenco ist „ein internationales Vorbild im Hinblick auf nukleare Nichtverbreitung“. In 30 Ländern weltweit stehen gegenwärtig 437 Kernreaktoren mit einer gesamten elektrischen Nettoleistung von rund 372 Gigawatt, weitere 65 befinden sich im Bau. Jedes vierte Kernkraftwerk weltweit bezieht von Urenco Rohstoffe höchster Sicherheit. „Wir sind der Auffassung, es ist besser, wir machen die Anreicherung hier in sicheren Händen, als sie unsicheren Ländern zu überlassen“ sagt uns der Betriebsratsvorsitzende Martin Boshe- Plois auf Nachfrage. Die Anreicherung Ländern wie Iran oder Pakistan zu überlassen, hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Mehr Sicherheit für Deutschland entstünde so nicht. Aber hat denn keiner der fast 300 Mitarbeiter ein Problem mit der Tatsache, dass Urenco im Zuge des Atomausstiegs als Vergangenheitstechnologie gilt? „Nein“, sagt Boshe-Plois. „Viele Mitarbeiter sind schon seit 25 Jahren im Betrieb, hier kündigt keiner, da ist eine große Verbundenheit, eine Überzeugung, hier zu arbeiten.“ Das Prinzip der Sahne Eine solche Einstellung der Belegschaft und des Betriebsrats würde sich manch andere Firma wünschen, die mit weit weniger Imageproblemen zu kämpfen hatt. Übrigens unterscheidet sich die Anlage in Gronau grundlegend von Kernkraftwerken und damit auch von den Sicherheitsgründen, die zur Abschaltung der KKWs geführt haben. Von Gronau ist daher in den Beschlüssen zum beschleunigten Kernenergieausstieg auch keine Rede. Der physikalische Prozess in Gronau ähnelt der Zentrifugierung von Milch. Dort entsteht Sahne, hier wird in unbehandeltem natürlichen Uranmaterial das Isotop U 235 von etwa 0,7 auf vier bis fünf Prozent angereichert. Natürlich gibt es gegen den Betrieb der Anlage örtlich und auch bundesweit Proteste. Natürlich werden kleinste Vorkommnisse aufmerksamer verfolgt als bei jedem anderen Betrieb. 2009 feierte Urenco den tausendsten unfallfreien Tag in Folge. Am 21. Januar 2010 kam es zu einem kleinen Betriebsunfall mit radioaktiven Stoffen. Seitdem sind wieder mehr als 1.000 Tage ohne Zwischenfall vergangen. Entgegen der Berichterstattung entpuppte der sich jedoch keineswegs als „kleiner GAU“: Nur ein Sechstel des genehmigten Abgabegrenzwertes für Uranhexafluorid (UF6) war in die Umgebung entwichen. Von einer Dosisbelastung der Bevölkerung kann daher keine Rede sein. Ein Arbeiter wurde zwar einer Urenco wurde u. a. von den Freilichtspiele Bad Bentheim e. V., der DRK-Kindertagesstätte Regenbogenland und dem Vorwärts Epe 1923 e. V. für den „Großen Preis des Mittelstandes“ nominiert (Fotos: Freilichtspiele Bad Bentheim e.V., DRK-Kindertagesstätte Regenbogenland, Vorwärts Epe 1923 e.V.) Belastung von 0,84 Millisievert ausgesetzt, jedoch liegt die zulässige Dosis im Kalenderjahr laut Strahlenschutzverordnung mehr als 20 Mal höher. Soll man das wirklich „Kontaminierung“ nennen? Wer nominierte die Urenco GmbH? Allen Menschen recht getan... Nicht ohne Stolz berichtet Hans-Bernd Felken, Geschäftsführer der IHK Nord Westfalen in Bocholt, dass Urenco nach den Normen 27001, 9000 und 14000 zertifiziert wurde und zu den 20 ersten europäischen Betrieben überhaupt gehört, die das große EMAS-Umweltaudit bestanden haben. Sechshundert Formulare begleiten und steuern die Sicherheitsprozesse im betrieblichen Ablauf. Aha. Für die Schar der Kritiker ist damit klar: Typisches „greenwashing“! Aha? Wäre es den Kritikern wirklich lieber, Firmen wie Urenco würden sich vor genau diesen Zertifizierungen und Überprüfungen drücken? Das kann es wohl kaum sein. Also bemüht man sich in Gronau um maximale Transparenz. Zur jüngsten Sicherheitsüberprüfung besuchten das Öko-Institut Darmstadt, der TÜV Süd München und die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) Köln den Betrieb vergangenes Jahr u. a. vier Mal im Februar, ein Mal im Mai, an fünf verschiedenen Tagen im August und drei Mal im November. Einhundert Aktenordner umfasst der Abschlussbericht. Dieses Prinzip maximaler Transparenz unterstreicht auch Ulrich Hampel von der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie. Folgende Institutionen nominierten Urenco zum „Großen Preis des Mittelstandes“: Proventes Schlief GmbH, Intelligenz System Transfer, FDP-Fraktion Gronau, Freilichtspiele Bad Bentheim e. V., Hans-Peter Goldbeck (Berlin), IHK Nord Westfalen (Bocholt), Möllers Druck GmbH & Co. Medien KG, Vorwärts Epe 1923 e. V., DRK-Kindertagesstätte Regenbogenland, den Urenco-Betriebsrat, Fortuna Gronau 09/54 e. V., Barmer GEK, IG Bergbau-Chemie-Energie, gronauprojekte, Dr. Ekkehard Kubasta (Wien). Transparenz und Teilhabe Öffentliche Übernahme von Verantwortung macht attraktiv. Auch für junge Leute. Die Zahl der Auszubildenden wurde auf 17 vervierfacht. In neun verschiedenen Berufen wird ausgebildet. Bewerbermangel kennt man in Gronau nicht. „Wir haben eine sehr große Akzeptanz in der Stadt. Urenco ist ein sehr solider Arbeitgeber“ ergänzt Betriebsratsvorsitzender Martin Boshe-Plois. „Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat bei Urenco einen hohen Stellenwert, ein hochflexibles Arbeitszeitmodell mit der Möglichkeit von Sabbaticals ist vorbildlich.“ Lebensphasenorientierte Arbeitszeiten, z. B. für die Pflege von Angehörigen oder familienbedingte Auszeiten, das Audit „berufundfamilie“ und den „sehr hohen Sozialstandard, begründet durch eine sehr gute betriebliche Altersvorsorge und ein Gesundheitsmanagement“ bestätigt auch Sonja Arnshoff von der Barmer GEK Gronau. Dazu gehören auch die inzwischen traditionellen „Werteabende“ und andere Dialog-Plattformen sowie die vielfältige Unterstützung regionaler und gesellschaftlicher Vorhaben und Initiativen. Regional verwurzelt Gronau hatte allein zwischen 1951 und 1983 mit der Krise der Textilindustrie 7.000 Arbeitsplätze verloren. Mit Uren co kehrten Arbeit und Wohlstand in die Stadt und die ansonsten strukturschwache Region zurück. Das war sogar der Bundesregierung in der Antwort auf die Anfrage von DIE LINKE eine ausdrückliche Erwähnung wert. Auch Sonja Jürgens, SPD-Bürgermeisterkandidatin von Gronau, will Urenco nicht schließen lassen, sondern die Attraktivität des Standorts insgesamt weiter steigern. Mit seinen 270 aus Überzeugung arbeitenden Mitarbeitern und einem Betriebsrat der öffentlich sein Unternehmen verteidigt, fühlt sich der staatlich kontrollierte Betrieb dem Mittelstand zugehörig. Kein Wunder, das er schon zum fünften Mal zum Wettbewerb „Großer Preis des Mittelstandes“ nominiert wurde. Und zwar durch 17 verschiedene Institutionen und Persönlichkeiten (siehe Kasten). n Dr. Helfried Schmidt 36 P.T. MAGAZIN 2/2013 2/2013 P.T. MAGAZIN 37

Jahrgänge

E-Paper 09 YOU CAN
PT-Magazin 05 2020
E-Paper 08 Ziel-Sprung
E-Paper PT-Magazin 07 2020 Lösungen
E-Paper PT-Magazin 06 2020 Unerwartetes managen
PT-MAGAZIN 03-04 2020
E-Paper PT-Magazin 05 2020 Einfach Machen
E-Paper PT-Magazin 04 2020 Überblick behalten
E-Paper PT-Magazin 03 2020 Wir stemmen das
E-Paper PT-Magazin 02 2020 Nicht aufgeben
E-Paper PT-Magazin 01 2020 Krisen überwinden
PT-MAGAZIN 02 2020
PT-Magazin 01 2020
PT-Magazin 01 2019
PT-Magazin 02 2019
PT-Magazin 03 2019
PT-Magazin 04 2019
PT-Magazin 05 2019
PT-Magazin 06 2019
PT-Magazin 06 2018
PT-Magazin 05 2018
PT-Magazi 04 2018
PT-Magazin 03 2018
PT-Magazin 02 2018
PT-Magazin 01 2018
PT-Magazin 06-2017
PT-Magazin_05_2017
PT-Magazin_04_2017
PT-Magazin_03_2017
PT-Magazin_02_2017
PT-Magazin_02_2017_Regional
PT-Magazin_01_2017
PT-Magazin_06_2016
PT-Magazin_5_2016
PT-Magazin_4_2016_komplett
PT-Magazin_4_2016_regional
PT-Magazin_03_2016_Komplett
Magazin_03_2016_Regional
PT-Magazin_02_2016_Komplett
PT-Magazin 01_2016_Immer wieder Neues wagen
PT-Magazin_06_2015
PT-Magazin_06_2015_regional
Pt-Magazin_5_2015_regional_OPS Netzwerk.pdf
P.T.MAGAZIN 03/2015
P.T. MAGAZIN 02/2015 - Regional
P.T. MAGAZIN 02/2015
P.T. MAGAZIN 01/2015
P.T. MAGAZIN 06/2014
P.T. MAGAZIN 05/2014
P.T. MAGAZIN 04/2014
P.T. MAGAZIN 03/2014
P.T. MAGAZIN 01/2014
P.T. MAGAZIN 06/2013
P.T. MAGAZIN 05/2013
P. T. MAGAZIN 04/2013
P.T. MAGAZIN 03/2013
P.T. MAGAZIN 02/2013
P.T. MAGAZIN 01/2013
P.T. MAGAZIN 01/2011
P.T. MAGAZIN 02/2011
P.T. MAGAZIN 03/2011
P.T. MAGAZIN 04/2011
P.T. MAGAZIN 05/2011
P.T. MAGAZIN 06/2011
P.T. MAGAZIN 06/2012
P.T. MAGAZIN 05/2012
P.T. MAGAZIN 04/2012
P.T. MAGAZIN 03/2012
P.T. MAGAZIN 02/2012
P.T. MAGAZIN 01/2012

Anzeigenformate, Hinweise und AGB

Anzeigenpreisliste 2020
Anzeigenpreisliste Regional 2020
Anzeigenpreisliste Nur für Special-Partner 2020
Anzeigenpreisliste Regional Nur für Special-Partner 2020
Technische Angaben Druckunterlagen 2020
Mediadaten 2020 komplett
Online Mediadaten - Nur für Special-Partner 2020
Online Mediadaten 2020