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E-Paper PT-Magazin 04 2020 Überblick behalten

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Krisen überwinden. Motto: Überblick behalten. Juryliste 2020 abgeschlossen. Mittelstand setzt trotz Coronakrise Meilensteine. Corona und Klima: Claudia Kemfert über Krisen-Ähnlichkeiten. Datenschutz und Datensicherheit: Corona – der Durchbruch für die Digitalisierung? Stabilität und Erneuerung … in Zeiten von Krisen und schwarzen Schwänen.

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04 E-Paper 4/2020 © piqsels.com Corona und Klima DIW-Klimaökonomin Claudia Kemfert über Krisen-Ähnlichkeiten Was können wir aus der Coronakrise für den Klimaschutz lernen? Auf einen Schlag hat die Coronapandemie die Klimathematik aus der öffentlichen Wahrnehmung gekickt. Besteht die Gefahr, dass das in der Gesellschaft gerade wieder erwachte Problembewusstsein zum Klimawandel erst mal verflogen ist? Claudia Kemfert: Nicht unbedingt. Bei allem Leid und Schrecken gibt es einige Lehren, die wir aus der Coronakrise ziehen können, um uns vor dem Klimawandel zu schützen. Beide Krisen haben Ähnlichkeiten in Ablauf und Lösung. Deswegen sollten wir schon jetzt – also noch inmitten der Coronakrise – mitdenken, wie wir die drohende Klimakrise verhindern oder zumindest abmildern können. Welche Ähnlichkeiten zwischen beiden Krisen sehen Sie? Claudia Kemfert: Die Wissenschaft hat vor Pandemien lange gewarnt. Auch vor dem Klimawandel warnt die Wissenschaft schon seit über vierzig Jahren. Heute merken wir, dass sich diese Szenarien bewahrheiten. Wir müssen heute handeln, um die Katastrophen von morgen und übermorgen zu verhindern. Je stärker wir die Infektionsmöglichkeiten begrenzen und je früher wir die Emissionen senken, desto länger haben wir Zeit. Auch beim Klimaschutz geht es um „Flatten The Curve“ – also die CO2-Emissionen nicht so sehr ansteigen zu lassen, dass die Erde sich über das verkraftbare Maß hinaus erwärmt. Claudia Kemfert: Zum einen lernen wir gerade, dass viele Dinge, die vorher utopisch schienen, auf einmal möglich sind: Emotionale Nähe und solidarische Achtsamkeit trotz „Social Distancing“. Und statt materiellem Egoismus und marktradikalem Survival-of-the-fittest. Zum anderen lernen wir gerade im Crashkurs, wie sehr es in einer Demokratie auf uns alle ankommt. Nichts ist so wichtig wie verantwortungsbewusste und verbindliche Solidarität. Nach der Corona-Solidarität kommt die Klima- Solidarität. Es geht um einen Generationenvertrag: Heute stärken die Jungen die Alten durch ihr konsequentes Social- Distancing-Verhalten. Morgen stärken die Alten die Jungen dann durch konsequenten Klimaschutz. E-Paper 4/2020

05 E-Paper 4/2020 Wenn die Wissenschaft schon seit über vierzig Jahren vor dem Klimawandel warnt – ist es heute nicht bereits zu spät? Claudia Kemfert: Nein, absolut nicht! Wir können den Klimawandel eindämmen, wenn wir beherzt umsteuern. Wir sind nicht einem Schicksal hilflos ausgeliefert, sondern haben es selbst in der Hand, die schlimmsten Wirkungen zu vermeiden. Jedes Grad weniger an Erderwärmung ist enorm wertvoll, schnelles Handeln gefordert. Die Kosten durch Klimaschäden sind ungleich höher als die Kosten des Klimaschutzes. Klimaschutz erscheint meist als Vermeidungsstrategie. Sie betonen den Aspekt der Innovation. Sollten wir Klimaschutz als Innovationstreiber begreifen? Als Mittel für den nachhaltigen Umbau des Wirtschaftssystems? Claudia Kemfert: Klimaschutz ist DAS Mittel für den nachhaltigen Umbau des Wirtschaftssystems. Wir benötigen eine auf erneuerbaren Energien basierende Wirtschaft, die auf Recycling und Kreislaufwirtschaft setzt. Investitionen in Zukunftstechnologien schaffen Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Es entstehen nachhaltige Innovationen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft dauerhaft stärken. Klimaschäden werden vermieden. Eine ökonomische Win-win-Situation. Bringt Klimaschutz Innovation in Fahrt? Claudia Kemfert: Absolut. Kreativen Lösungen sind keine Grenzen gesetzt! Bereits heute gibt es jede Menge Innovationen, gerade im Bereich der Digitalisierung für Energie- und Verkehrswende. Und wir benötigen mehr Innovationen. Zum Beispiel sogenannte Smart Grids und virtuelle Kraftwerke, um in einem auf erneuerbaren Energien basierenden Energiesystem flächendeckend eine optimale Steuerung von Angebot und Nachfrage zu ermöglichen. Auch Batterien von Elektrofahrzeugen können als dynamische Speicher zur Netzentlastung dienen. Und: KI wird autonomes Fahren immer mehr ermöglichen und damit Mobilität für alle. All dies sind wichtige Innovationen für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Innovation beginnt im Denken. Lassen Sie uns ein paar Stichpunkte dazu aus Ihrem Buch „Mondays For Future“ aufgreifen. „Probiere neue Methoden aus“, schreiben Sie. Es braucht neue Methoden und Vorgehensweisen? Claudia Kemfert: Ja, überall! Indem jede und jeder konkret handelt – und damit meine ich nicht bloß Konsum, sondern vor allem Maßnahmen zur Stärkung unserer Demokratie und Gesellschaft –, können wir völlig neue Vorgehensweisen entwickeln. Wir lernen ja gerade in der aktuellen Krise, wie sehr es auf uns alle ankommt. Sie appellieren: „Denk dreidimensional“ – was meinen Sie mit dreidimensional? Claudia Kemfert: Erstens zeitlich: Jegliches Handeln hat Auswirkungen für viele Jahrzehnte. Zweitens räumlich: Jegliches Handeln hat aufgrund der globalisierten Welt Auswirkungen auf unterschiedliche Weltregionen. Und drittens intergenerational: Es sind die zukünftigen Generationen, die die Suppe unseres heutigen Handelns auslöffeln müssen. Sie sehen in agilem Management ein Vorbild für den Klimaschutz. Was bringt ein agiles Vorgehen für die Lösung des Klimaproblems? Claudia Kemfert: Beim Klimaschutz stehen wir vor einer ungeheuer komplexen Aufgabe, wie wir sie in der Geschichte der Menschheit noch nie zu bewältigen hatten. Dafür brauchen wir tragfähige und trotzdem schnelle Entscheidungen. Komplexe Aufgaben lassen sich am besten mit iterativen Verfahren lösen, also mit einer schrittweisen Annäherung an die große Lösung. Auf dieser Kernidee basiert agiles Management. Dieses „Fahren auf Sicht“ ließe sich auch beim Klimaschutz zum Einsatz bringen. Unter dem Stichwort „Denk radikal“ plädieren Sie für radikale Lösungen im Klimaschutz. Wie können solche radikalen Lösungen aussehen? Claudia Kemfert: Sinnvoll radikal wäre für mich, wenn sich jeder und jede, egal wo, für Generationenverträge einsetzen würde: im Unternehmen, im Verein oder in der Schule. Radikal war zum Beispiel auch, dass in der Coronakrise die große Mehrheit der Deutschen freiwillig und aus innerem Antrieb zu Hause geblieben ist. Genauso geht auch „radikaler“ Klimaschutz: Jede kleine Handlung zählt! Wenn wir alle Klimaschutz bewusst und aktiv vorantreiben, schaffen wir tatsächlich eine rettende und umfassende Lösung – binnen Kurzem! Nicht zuletzt stellen Sie das Engagement für das Klima in den Kontext von Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechten. Ist heute alle Politik Klimapolitik? Claudia Kemfert: So ist es. Jegliches Handeln ist auch Klimapolitik, im besten wie im schlechtesten Sinne. Alles zählt. Jeder Beitrag ist wichtig. Das Momentum für den Wandel ist da. Mondays for Future. Genau jetzt. ó Claudia Kemfert ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit und leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Ihr neues Buch „Mondays For Future“ (Murmann Verlag) beantwortet zentrale Fragen zur Klimakrise und gibt Handlungsempfehlungen, wie wir jetzt in Aktion kommen. 200 Seiten, EUR 18,00 (D) ca. EUR 18,50 (A). ISBN 978-3-86774-644-1 Das Interview führte Winfried Kretschmer und ist in einer ausführlichen Fassung zunächst auf changeX.de erschienen: https://www.changex.de/Article/interview_kemfert_jeder_zaehlt

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