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E-Paper PT-Magazin 03 2020 Wir stemmen das

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Krisen überwinden. Motto: Meilensteine setzen. Krise ist nichts für Weicheier: Die Situation erzwingt Entscheidungen. Wie RIVA den Wandel nutzt: Mit 81 Jahren zieht H. Püttmer durch. Weltklasse aus Bad Schlema: Diese Frau machte ihr Hobby zum Beruf. Ein Gesellschaftsvertrag: für Unternehmertum! Deutschland im Homeoffice: Das können Sie steuerlich absetzen. Corona-bedingte Änderungen: „Großer Preis des Mittelstandes“.

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10 E-Paper 3/2020 Die Corona-Krise legt Defizite in der betrieblichen Gesundheit offen © piqsels.com Mit der von Corona erzwungenen Heimarbeit drohen ganz neue, erhebliche Risiken für Körper und Psyche gleichermaßen. Nicht nach zwei Tagen Heimarbeit, aber nach zwei Wochen oder gar zwei Monaten. Dr. Dr. Michael Despeghel ist Initiator der Medizinmänner, einem Verbund von Ärzten und Sportwissenschaftlern, die Unternehmen beraten und besonders die Zielgruppe der Männer im Blick haben – aber nicht nur. Solange es keinen Impfstoff gibt, ist das stärkste Mittel gegen einen schweren COVID-19-Verlauf unsere Immunabwehr. Doch die ist zugleich das schwächste Glied in der betrieblichen Gesundheit. Zwar fördern viele Programme in Unternehmen das Wohlbefinden: Durch Obst in der Kantine hier oder einen gelegentlichen Gesundheitstag dort, zum Beispiel. Was oft fehlt ist hingegen ein systematischer Plan, um Risiken zu erkennen und die Abwehrkräfte der Beschäftigten nachhaltig zu stärken. Rund 90 Prozent aller Mitarbeiter bewegen sich zu wenig und ernähren sich falsch. Und obwohl die meisten Menschen die Nachteile ihrer Lebensweise kennen, nehmen Zivilisationskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bluthochdruck und Diabetes rasant zu – alles erhebliche Risikofaktoren bei einer Infektion mit dem Corona-Virus. Jedes Jahr erkranken in Deutschland allein an Diabetes über eine halbe Million Menschen neu. Nun legt die aktuelle Krise Defizite in unserer Lebensweise ebenso offen wie Defizite in den oft gut gemeinten und teuren Gesundheitsprogrammen der Unternehmen. Wochenlange Heimarbeit droht die Risiken für Mitarbeiter sogar noch einmal zu verstärken. Ohnehin klagen die Betriebe seit Jahren über steigende Fehlzeiten, zuletzt von durchschnittlich über drei Wochen pro Jahr und Kopf. Angesichts alternder Belegschaften dürfte sich diese Zahl künftig sogar weiter erhöhen. Zugleich haben viele Programme in den Betrieben leider eines gemeinsam: Sie erreichen vor allem jene Mitarbeiter, die bereits gesünder leben. Schon habituell sprechen bestimmte Kurse und Angebote alle anderen weniger an. Wer sich jahrelang nicht bewegt, lässt sich kaum von Postern mit jungen, schlanken Menschen zu Power-Yoga bewegen: Da fürchtet man eine Blamage. Gerade Männer mittleren Alters aufwärts sind in der betrieblichen Gesundheit schwer zu erreichen. Sie ernähren sich weniger gesund, treiben weniger Sport und gehen seltener zur Vorsorge. Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen – im Alter bis 65 Jahre sterben sie sogar dreimal so oft an den Folgen von Herz- und Kreislauferkrankungen. Zudem rauchen Männer häufiger, weisen häufiger bedenklich hohen Alkoholkonsum auf und sind häufiger übergewichtig. All das schwächt die Abwehr und damit auch die Voraussetzungen, eine Corona- Infektion vergleichsweise milde zu überstehen. Gesundheitsangebote müssen daher auch Fast Food-Liebhaber und Bewegungsmuffel ansprechen – und nicht zuletzt gezielt die Männer. Strategisch geplante Programme beginnen mit einer systematischen Vorsorge-Untersuchung durch einen Arzt und mit niedrigschwelligen Aktivitäten. Oft reichen zu Beginn kleine Schritte: Schon ein begleitendes 12 Wochen- Gesundheitsprogramm wirkt und steigert die körperliche Leistungsfähigkeit um 30 Prozent. Zudem empfiehlt es sich, dass Mitarbeiter ihre Fortschritte erfassen und steuern – etwa in einer App. Auch sollten Unternehmen den Erfolg ihrer Angebote evaluieren lassen, zum Beispiel durch eine Hochschule. Erst eingebunden in ein Gesamtkonzept entfalten die Maßnahmen dauerhaft Wirkung – punktuelle Gesundheitstage haben hingegen nahezu keinen Einfluss auf den Lebensstil. Die Corona-Krise wird uns noch über Monate begleiten, vielleicht länger. Auf Infektionswellen können Rückläufer folgen, auf erste Erfolge Rückschläge. Jeder einzelne wird daher darüber nachdenken müssen, wie er seine Abwehrkräfte stärkt – durch mehr Bewegung, bessere Ernährung, Stressmanagement. Unternehmen sollten gerade jetzt ihre Mitarbeiter dabei unterstützen. ó Weitere Informationen unter www.medizinmaenner.de E-Paper 3/2020

11 „Welle von Insolvenzen im vierten Quartal“ Wirtschaftsanwalt Eisenbeis: Gründe für fehlende Liquidität häufen sich E-Paper 3/2020 Corona-bedingt rechnet der Saarbrücker Insolvenzanwalt Jochen Eisenbeis ab dem vierten Quartal „mit einer Welle von Insolvenzen.“ Seine Begründung: Die Liquidität schrumpft in vielen Branchen wegen laufender Fixkosten, Corona-bedingte staatliche Einschränkungen bleiben und internationale Lieferketten sind instabil. Staatliche Förderprogramme und Kurzarbeitergeld seien hilfreich, doch etwa für Handel und Gastronomie „längst nicht ausreichend“, so Eisenbeis, der seine 1991 gegründete Sozietät heute mit 50 Mitarbeitern führt und bundesweit tätig ist. Selbst wenn Mieten und Raten gestundet werden, müssten diese später beglichen werden. Der Insolvenzanwalt: „Viele Betriebe können schon in guten Zeiten größere Schulden nicht zurückzahlen.“ Dass Beschränkungen „teils weit in das zweite Halbjahr hinein gelten“, zeichnet sich für den 60-Jährigen ab. Auch die Automobilzulieferer sind angesichts massiv sinkender Verkaufszahlen bedroht, so Eisenbeis, wie auch die Dienstleister: „Unter den Eventveranstaltern und deren Subs gibt es ein Massensterben.“ Denn wenn Messen, Konzerte, Volksfeste und Sportevents nicht stattfinden, haben Bühnentechniker, -verleiher und Musiker nichts zu tun. Dasselbe gelte für Texter, Graphiker oder Filmer. Die Bundesregierung habe mit ihren Sofortzuschüssen für Kleinbetriebe und ihren KfW-Krediten bis 800.000 Euro für mittlere Betriebe vorbildlich gehandelt. Jochen Eisenbeis Insolvenzverwalter Jochen Eisenbeis: „Es kann klüger sein, früher in Eigeninsolvenz zu gehen, um sich zu entschulden, und mit letzten Reserven den Betrieb danach neu zu finanzieren.“ FOTO: EISENBEIS Zugleich habe die Maßnahme gezeigt, dass die Banken ihrer Aufgabe des Liquiditätsmanagements nicht gerecht werden. Mit ersten Insolvenzen rechnet der Wirtschaftsanwalt deshalb im dritten Quartal und einem Mehrfachen dessen im vierten Quartal – unabhängig davon, ob es zu einer zweiten Welle an Neuinfektionen kommt. Empfehlung des seit Jahrzehnten erprobten Wirtschaftsjuristen: „Jetzt bis auf Weiteres unbedingt flüssig bleiben.“ Dazu gehöre, Bestände notfalls zu schlechten Preisen veräußern. Die Sorge, dadurch insolvent zu werden, sei unbegründet. Denn schon in der Wirtschaftskrise 2008/09 wurde das Insolvenzrecht dahin verändert, dass ein Insolvenzantrag trotz Überschuldung unterbleiben kann, wenn es eine „positive Fortführungsprognose“ gibt. Diese orientiert sich in erster Linie an der zukünftigen Liquidität. Diese Aussetzung der Corona-bedingten Insolvenzantragspflicht gelte vorläufig bis 30. September. Eine Verlängerung bis zum 31.03.2021 sei im Gespräch. Entscheidend sei deshalb, bis dahin den eigenen Betrieb „irgendwie liquide“ zu halten. Werkzeuge dafür seien: Steuern und Sozialversicherungsbeiträge aussetzen; Förderprogramme nutzen; Fixkosten senken bei Lieferanten, Vermietern, Mitarbeiter etc. durch neu Verhandeln; Verbindlichkeiten und Zahlungsziele strecken, etwa bei Leasingraten, Tilgungen etc., auch mit Zinsaufschlag; oder Finanzierungsinstrumente wie Leasing, Factoring oder Fine-trading. „Viele Unternehmer machen den Fehler, ihr letztes Geld ins marode Unternehmen zu stecken,“ sagt Eisenbeis. Klüger könne sein, auch um Arbeitsplätze und Lieferketten zu erhalten, früher in Eigeninsolvenz zu gehen. Unter einem solchen Schutzschirm könne man sich mit Gläubigern vergleichen, im Idealfall deutlich entschulden und danach mit frischem Geld den Betrieb fortführen. ó www.eisenbeis-ra.de Autor: Leonhard Fromm © piqsels.com

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