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E-Paper PT-Magazin 01 2020 Krisen überwinden

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Offizielles Magazin der Oskar-Patzelt-Stiftung. Titelthema: Krisen überwinden. Motto: Meilensteine setzen. 100.000 Wirtschaftswunder und 11 Überlebensgebote. Ostern entscheidet es sich: 5 Corona-Szenarien der Zukunft. Krisenbewältigung: 4 Schritte führen aus der die Krise. The Show must go on: 4 betriebsbezogene Erkenntnisse. Corona-bedingte Änderungen: „Großer Preis des Mittelstandes“.

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06 E-Paper 1/2020 Was wären die Auswirkungen: In diesem Szenario hält Deutschland noch bis September den Atem an. Denn so lange würde wohl die Isolierung der Alten und die Herdenimmunisierung der Jungen dauern. Auf gut Deutsch: Den entspannten Sommerurlaub können wir uns abschminken. Aber die Chance, dass es danach durchstanden ist, ist durchaus hoch. Bedingung für dieses Szenario ist aber wohl ein starker Ausbau von Technologie. Nach dem Vorbild von Südkorea würde in diesem Szenario die gesamte Bevölkerung nicht nur vor Pfingsten, sondern auch danach wieder und wieder getestet werden, um diejenigen zu identifizieren, die das Virus in sich tragen. Diese sowie die älteren Menschen werden konsequent isoliert. Ihre Bewegungen werden per Handy und App überwacht. Wer sich angesteckt hat, ist über GPS als Corona-Träger sichtbar, damit alle, die gesund sind, Abstand halten können. Die hauptsächliche Auswirkung dieses Szenarios wäre eine technologische. Unsere Gesellschaft würde erkennen, dass es Technologie ist, die uns die Rückkehr zu einem normalen Leben ermöglicht. Und die machthabende Spät-68er- Generation in unserer Gesellschaft würde akzeptieren, was die meisten jüngeren Menschen in ihrem Privaten schon lange akzeptiert haben: Dass die Freigabe von persönlichen Daten zu einer größeren Freiheit aller und zu einer stärkeren Solidarität in der Gemeinschaft führt. Die Wirtschaft käme mit einem blauen Auge davon. Szenario 4: Der Ausnahmezustand Stellen wir uns vor, wir schauen zu Ostern auf die Infiziertenzahlen in Deutschland und stellen fest: Sie sinken nicht. Im Gegenteil: Sie steigen weiter. Exponentiell! Und natürlich weiß auch niemand in diesem Land, wer genau die Krankheit bereits in sich trägt. Ganz sicher leben hunderttausende unerkannte Corona- Fälle in Deutschland. Was geschieht dann? In diesem Fall steht der Ausnahmezustand und „italienische Verhältnisse“ quasi bereits zu Ostern direkt vor der Tür. Denn die Versorgungskrise in den deutschen Krankenhäusern ist dann direkt absehbar. Es ist nicht schwer zu prognostizieren, was dann geschieht. Denn die dann zu treffenden Maßnahmen wurden in Italien, Spanien, China und Südkorea bereits Schritt für Schritt durchexerziert: Ausnahmezustand, Ausgangssperre, Massentest sofort und wiederholt. Wesentliche Infrastrukturen werden durch die Bundeswehr und die Polizei übernommen. Bilder von Militär-LKWs, die Särge wegfahren gibt es dann nicht nur aus Italien. Auch in Deutschland sind Bundeswehr-LKW dann die einzigen LKW, die noch fahren dürfen. Diese Eskalation der Maßnahmen würde wohl auch in der Entscheidungslinie der bisherigen politischen Entscheidungen in Deutschland liegen. Hier in Szenario 4 wird der neue „Generationenvertrag“ vermutlich als alternativlos gelten oder zumindest als einziger Ausweg. Was wären die Auswirkungen: Auch in diesem Szenario normalisiert sich die Lage im Land also wieder ab September. Dies ist der Zeitpunkt, zu dem die jünge- © www.pixabay.com ren Menschen ihre Version der Infektion durchgestanden haben und die Masse der genesenen und damit immunen Menschen in Deutschland die Überhand gewinnt. Zu diesem Zeitpunkt kann auch die Isolation der Älteren wieder gelockert werden, denn die Gefahr der Ansteckung sinkt. Zugleich werden allerdings sowohl die Noch-Infizierten und die ältere Risikogruppe weiterhin mit GPS und App überwacht, um weitere Ansteckungen auszuschließen. Diese Vorsichtsmaßnahmen werden noch bis ins nächste Jahr, bis zur Verfügbarkeit einer Schutzimpfung weitergeführt. Wie in Szenario 3 endet auch dieser Ausnahmezustand auf eine weitgehend positive Art: Technologienutzung und Datenfreigaben finden in der Gesellschaft eine breitere Akzeptanz. Die Wirtschaft kommt mit einem blauen Auge davon und damit auch alle unsere Sozialsysteme. E-Paper 1/2020

07 Szenario 5: Der dauerhafte Shut-Down Stellen wir uns vor, wir schauen zu Ostern auf die Infiziertenzahlen in Deutschland und stellen fest: Sie sinken nicht. Aber sie steigen weniger stark. Nicht mehr exponentiell! Zwar weiß auch niemand im Land, wer genau die Krankheit bereits in sich trägt, sicherlich hunderttausende unerkannter Corona-Fälle in Deutschland. Aber dennoch steht der politische Wille nicht nach einem Ausnahmezustand. Eher nach einem „Weiter so.“ Also wird die aktuelle Kontaktsperre zunächst um drei Wochen verlängert. Und dann nochmals um drei Wochen. Bis Pfingsten. Und bis dahin stellt sich heraus, dass unser „flatten the curve“ funktioniert. Die Krankenhäuser sind nicht zusammengebrochen. Im Land hält sich zwar die permanente Corona-Epidemie. Aber wir haben sie durch den Shutdown zumindest für unser Gesundheitssystem erträglich gemacht. Die Politik ignoriert die Warnungen der Wirtschaft und die Forderungen nach einem Strategiewechsel. Sie hält an „flatten the curve“ fest und ruft Deutschland auf, sich darauf einzustellen, dass dieser Zustand anhalten wird, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht. Was geschieht dann? Dieses Szenario ist genauso unprognostizierbar, wie es sich anhört. Denn ob ein Impfstoff bereits in drei Monaten, oder erst in 18 Monaten zur Verfügung steht, weiß derzeit niemand zu sagen. Im schlimmsten Fall müssen wir uns in diesem Szenario wohl auf einen Shutdown bis zu 12 Monaten gefasst machen. Falls die Regierung zwischendurch immer wieder einmal Lockerungen in den Shutdown einbaut, dann sind es insgesamt wohl sogar 18 Monate. So wird es von Simulationen Londoner Forscher berichtet. Dies bedeutet, dass die heutige Situation bis zum Frühjahr 2021 weitestgehend festgeschrieben würde. Was wären die Auswirkungen: In diesem Szenario geht Deutschland in eine dauerhafte Depression. Es ist das einzige Szenario, in dem das Land am Ende tatsächlich nicht mehr so wäre, wie zuvor. Die Folgen für das Land wären wohl viel schlimmer, als in einem vorübergehenden Ausnahmezustand. Denn eine Demokratie kann man nicht zu Hause einsperren. Eine Demokratie lebt durch Miteinander, durch Kommunikation, durch Meinungsaustausch. Und eine Marktwirtschaft lebt durch Wettbewerb, Konkurrenz und freie Märkte. Es gibt Grund zum Optimismus Szenario Nummer 1 und 2 sind den Umständen entsprechend positiv. Bis zum Sommer hat sich das Leben in Deutschland normalisiert. Die Szenarien Nummer 3 und 4 sind dagegen hart. Sie bringen einen harten Sommer, einige Entbehrungen und heftige Diskussionen zwischen Jungen und Alten in der Gesellschaft. Sie würden auf mittlere Sicht unser Land wohl merklich verändern: Mehr Vertrauen in Technologie, stärkere Datenfreigabe und ein merkbarer Konjunktureinbruch in einigen Branchen wären die Folge. Aber auch in diesen Szenarien werden wir das Jahr 2020 noch vernünftig abschließen können und weder einen Einbruch der Sozialsysteme noch der Gesamtwirtschaft verkraften müssen. Das fünfte Szenario hingegen ist aus meiner Zukunftsforschersicht ein Katastrophenszenario für das Land. Aus virologischer Sicht ist es womöglich sogar ein wünschenswertes Szenario, weil vielleicht dabei am wenigsten Menschen sterben. Dies kann ich als Nicht-Virologe nicht abschätzen. Für das Land, seine Demokratie und die Wirtschaft wäre es wohl eine dauerhafte Katastrophe. Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich bin optimistisch. Ich bereite mein eigenes Unternehmen und die unserer Kunden im Augenblick vor allem auf die Szenarien 1-4 vor. Parallel natürlich. Wir alle wissen, dass Ihre Unternehmensstrategie vermutlich nicht die gleiche bleiben kann, wie bisher. Aber es ist illusorisch zu glauben, dass Sie sie durch DIE EINE neue Strategie ersetzen können. Sie werden vermutlich fünf parallele Zukünfte durchdenken müssen und fünf parallele Szenario-Strategien skizzieren, um für die kommenden Monate gerüstet zu sein. Falls Sie dafür einen Sparringspartner brauchen … rufen Sie mich gern an. Oder schreiben Sie mir eine E-Mail unter: sven.janszky@2bahead.com ó Über den Autor Sven Gábor Jánszky (47) ist Chairman des größten Zukunftsinstituts Europas, des „2b AHEAD ThinkTank“. Auf seine Einladung treffen sich seit 18 Jahren CEOs und Innovationschefs der Wirtschaft und entwerfen Zukunfts-Szenarien und Strategieempfehlungen für die kommenden zehn Jahre. Seine Trendbücher „2030“, „2025“ und „2020“ werden von Unternehmen als Szenario für Zukunftsstrategien genutzt. Sein Buch „Rulebreaker“ ist eine Anleitung zur Eroberung neuer Märkte durch bewusste Regelbrüche. Jánszky coacht Top-Manager, gibt Unternehmen ihre Zukunftsbilder, berät Vorstände zu Zukunfts- und Digitalstrategien, entwickelt datengetriebene Geschäftsmodelle und ist gefragter Keynotespeaker auf Strategietagungen in Deutschland und Europa. E-Paper 1/2020 Ostern entscheidet es sich

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