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P.T. MAGAZIN 06/2014

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Das stumpfe

Das stumpfe Präzisionswerkzeug Foto: © Minerva Studio / fotolia.com Gesellschaft 08 Sprache ist dynamisch. Kein Mensch spricht oder schreibt heutzutage noch genau im Duktus Martin Luthers, dessen Bibel-Deutsch mit all seinen Metaphern, sprachlichen Bildern und gedruckter Orthografie überhaupt erst so etwas wie „das Deutsche“ organisiert hat. In neuen Sprachformen, Soziolekten und Varietäten wie etwa dem Kiezdeutsch („Morgen ich geh Kino“) findet grundsätzlich nicht bloß sprachliche Vereinfachung statt, sondern auch eine produktive und innovative Erweiterung des Standarddeutschen. Hier werden die Möglichkeiten, die das Deutsche im Bereich von Grammatik und Wortschatz bietet, kreativ genutzt und ausgebaut. Das mag manchem auf den ersten Blick nicht sonderlich ästhetisch erscheinen, zeugt aber letztlich von der grundsätzlichen Bereitschaft der deutschen Sprache, innovativen Mustern gegenüber offen zu sein – und dennoch seine Präzision beizubehalten. „Morgen ich geh Kino“ nutzt – zumal Kiezdeutsch keine schriftsprachliche Anwendung findet – die größere grammatische Offenheit gegenüber dem Standarddeutschen, um Information (1. Wann 2. Wer 3. Was) besonders deutlich und effizient zu strukturieren. Nicht schön, aber dennoch eine Schönheit des Präzisen. Anders sieht es hingegen beim von Reiner Kunze völlig zu Recht kritisierten, politisch organisierten Kahlschlag im deutschen Sprachwald aus. Im Zuge der Rechtschreibreform hat die Sprache ein in Teilen widersinniges bis sprachlogisch völlig falsches Korsett geschnürt bekommen, das den Wörtern nicht nur ihre Aura raubt, sondern auch das Präzisionswerkzeug Sprache stumpf gescheuert hat. Und es wird noch schlimmer: Neben der Rechtschreibreform sind in den vergangenen Jahren noch zwei weitere thematische Felder hinzugekommen, auf denen die Schlacht um die Sprache geschlagen werden muss. 1. Die Rechtschreibreform: rechthaben und Recht bekommen Mag man über das Verschwinden des „ß“ noch trefflich emotional diskutieren, die Grenze der Akzeptanz wurde spätestens bei den kruden Neuregelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung erreicht. So führte beispielsweise der Eingriff in die Getrennt- und Zusammenschreibung dazu, dass Hunderte von Differenzierungen verloren gehen. Man kann etwas „richtig stellen“, also in die richtige Position bringen, und etwas „richtigstellen“, also etwas korrigieren. Diese Unterscheidung wurde 1996 egalisiert, fortan sollte man Dinge nur noch richtig stellen können. Dass damit eine komplette Bedeutungs- und Assoziationskette verwaschen wurde, schien damals völlig egal zu sein. Man hat diese Regelung zwar 2006 rückgängig gemacht, Konfusion und sprachliche Unsicherheiten sind seitdem aber eher gewachsen. Nicht nur bei Schülern. 2. Gendergerechtigkeit: Auf ein Wort, Herr Professorin Binnen-I (liebe LeserInnen), ausschweifende Anredefloskeln im mündlichen sowie schriftlichen Verkehr, Schrägstriche, Unterstriche, Bindestriche… die männlichen und weiblichen Kombattanten einer geschlechtergerechten Sprache lassen sich einiges einfallen, um den allerorts vermuteten Sexismus in der Sprache zu bekämpfen. Doch während das leidliche „I“ zwar wunderbar unschöne Texte, aber keine gesellschaftliche Revolution hervorgebracht hat, geht der sprachliche Barrikadenkampf jetzt anscheinend erst richtig in die Vollen. Die Meldung aus dem Juni 2013, dass an der Uni Leipzig auch männliche Professoren als „Professorin“ bezeichnet werden sollen, wurde zwar umgehend richtig gestellt (leidiglich wird in der Grundordnung der Uni zukünftig die weibliche Form gleichermaßen für Personen des männlichen Geschlechts gelten), zog aber breite Wellen der Entrüstung – und Befürwortung – nach sich. Und das zeigt wiederum, wie sensibel man heutzutage mit Geschlechtern umgehen möchte, aber nicht mit der deutschen Sprache. Der Gender-Eifer macht auf diese Art nicht einmal vor den Grundfesten der Grammatik halt, wenn ernsthaft erwägt wird, einen Gender*Stern, eine Art Joker für alle verfügbaren Geschlechtsidentitäten, einzuführen. Das sieht dann so aus: d*Mann, d*Salzstreu*, Lieb* Deutsch* Homer, Thomas Mann, Stefan George und selbst Martin Luther würden angesichts solch einer sprachlichen Realität im Grab rotieren. Ingrid Thurner, Ethnologin und Publizistin, bringt es auf nichts sagend, (wortlos) nichtssagend, (ausdruckslos, unbedeutend) den Punkt: „Will man mittels Buchstaben neue Wirklichkeiten schaffen, wenn alle paar Worte ein Holzhammer die Sprachmelodie zertrümmert? Versal-I, Schrägstrich, Unterstrich, Asterisk, Verdoppelung und bzw.-Konstruktion: Mit diesen Waffen kann man keine linguistische Schlacht gewinnen, das ist kein Sprachkampf, sondern Sprachkrampf. Damit sollte man endlich aufhören.“ 3. Political Correctness: Ein Sinti und Roma-Schnitzel, bitte! Weil man inzwischen der (politischen) Meinung ist, dass die herrschende Sprache nicht mehr den „wahren“ gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht bzw. sie nicht korrekt abbildet, wird Sprache zunehmend – und zwar aus der kalten Hüfte, ohne jede ernsthafte Notwendigkeit – von oben herab korrigiert. Ganz P.T. MAGAZIN 6/2014

Geiger Gruppe - Virnsberger Str. 30 - 90431 Nürnberg Tel. +49 911 - 96 12 970 - www.geiger-gruppe.de Mc f n o Kd p v A G t C X l y s LZS a Ö m P.T. MAGAZIN 6/2014 vorn dabei: Die Darmstädter Gralshüter* der PC (Political Correctness), die u.a. mit ihrer Wahl zum „Unwort des Jahres“ einer ganzen Sprachgemeinschaft am liebsten das Wort verbieten möchten. „Eine Zensur findet nicht statt“, so heißt es im schönen Artikel 5 des Grundgesetzes, das gerne außer Kraft gesetzt wird, wenn es um Sprachgebote geht, die Minderheiten vor Diskriminierung schützen sollen. Die korrigierte Sprache solle eine bessere Welt erschaffen und arbeitet sich an Kinderbuchklassikern ab; die übermotivierten Sprachschützer machten aus Pipi Langstrumpfs „Negerkönig“ den „Südseekönig“, säuberten „Die kleine Hexe“ von verfänglichen Wörtern (z.B. „Chinesinnen“) und legten auch dem Suhrkamp-Verlag nahe, Bertolt Brechts „Mutter Courage“ zu überarbeiten. Mit sprachkritischen Aktionen wie dem Unwort des Jahres (2014 war es der „Sozialtourismus“) wolle man „die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern und den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch lenken“, heißt es aus Darmstadt. Das „Sprachbewusstsein der Bevölkerung“ fördert man also damit, Sprache zu beschneiden? Dass die Sachverhalte hinter dem Wort bestehen bleiben, egal wie man sie nennt, scheint für viele PC-Anhänger irrelevant. Und so senst man eben politisch korrekt weiter durch einen reichen, kreativen und gewachsenen Sprachschatz, der in einigen Jahrzenten wohl um einiges ärmer und farbloser sein wird, als es Sprachschützer, -reformer und -gleichmacher jemals im Sinn gehabt haben dürften. ■ *gemeint ist die TU Darmstadt Jörg Petzold Geiger schafft Verbindungen Stolzer Gewinner des Großen Preis des Mittelstands 2013 Seit Jahrzehnten steht die Geiger Gruppe weltweit für Qualität, Spitzenleistung und außergwöhnliche Kundenorientierung in den Bereichen Formenbau und Kunststoffspritzguss. Geiger Formenbau und Geiger Spritzgießtechnik Bieten Ihnen das komplette Leistungsspektrum von der Unterstützung bei der Designentwicklung über die Werkzeugentwicklung bis hin zur Serienreife sind wir Ihr kompetenter Ansprechpartner. Reiter Geiger Kunststofftechnik Reiter Geiger Kunststofftechnik verstärkt die Geiger-Gruppe als internationaler Spezialist für ligrane Bauteile und Metall-Kunststoff Hybride.

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