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PT-Magazin 04 2019

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Offizielles Magazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung.

Der Wachstums-Irrtum

Der Wachstums-Irrtum PT-Gespräch mit Kay Bourcarde und Karsten Herzmann zur These des linearen Wirtschaftwachstums. PT-MAGAZIN 4/2019 Wirtschaft 44 Herr Bourcarde/Herzmann, ist in der Wachstumsdebatte nicht bereits alles gesagt worden? Wozu braucht es da noch Ihr Buch „Die Scheinkrise“? KH: Unser Buch ist kein weiterer Beitrag zur wieder aufgeflammten Wachstumsdebatte, die ja im Kern eine Wertedebatte ist: Die Wachstumskritik hinterfragt mit Blick auf die ökologischen Folgen, ob wir immer weiter wachsen sollten. Wir hingegen beschäftigen uns mit der Frage, in welchem Maß wir bisher tatsächlich wachsen konnten. Wir sind das Thema also nicht normativ, sondern empirisch angegangen. Und dabei stößt man auf eine grundlegende Fehlannahme, die trotz ihrer Tragweite so weit verbreitet ist, dass sogar die ansonsten so zerstrittenen Befürworter und Kritiker des Wirtschaftswachstums sie teilen. Was für ein Wachstum hatten wir denn dann? KB: Ein lineares, also ein Wachstum um die immer gleichen absoluten Beträge. In Deutschland waren dies preisbereinigt 300 Milliarden Euro, um die unsere Wirtschaftskraft pro Jahrzehnt durchschnittlich gestiegen ist – heute genauso wie vor fünfzig Jahren. Ein solches lineares Wachstum aber führt mit mathematischer Zwangsläufigkeit zu sinkenden Wachstumsraten. Und zwar allein deshalb, weil das Niveau, von dem aus wir weiter wachsen, schon so hoch geworden ist. Vereinfacht ausgedrückt: Die Wachstumsraten sind heute nur deshalb niedriger, weil es uns so viel besser geht als früher. Das heißt aber gerade nicht, dass unsere Wirtschaft langfristig betrachtet schwächelt oder uns, wie vielfach behauptet wird, das Wachstum ausgeht. Im Gegenteil: Unsere Wirtschaftskraft übertrifft die der Wirtschaftswunderjahre um das Vierfache. Und wir wachsen unverdrossen mit der gleichen Dynamik immer weiter. Ihre Aussage ist also: Uns geht es besser denn je, lasst uns endlich mal zufrieden sein. KH: Damit sind wir bei dem Widerspruch, um den es uns im Kern geht: Es stimmt zwar, dass es uns – volkswirtschaftlich betrachtet – besser geht als jemals zuvor. Trotzdem gehen die derzeit geäußerten Aufrufe, das doch endlich einmal zur Kenntnis zu nehmen, am Leben vieler Menschen vorbei. Denn wir haben unsere tatsächlichen Erfolge vielfach ungewollt unterminiert und zwar indem wir noch viel mehr erwartet haben. Zumeist ohne dass es uns bewusst ist, haben wir unsere Gesellschaft und insbesondere auch die Politik der letzten Jahrzehnte am Idealbild eines exponentiellen Wachstums ausgerichtet. Inwiefern das? KB: Weil nach wie vor die Wachstumsraten als der zentrale Indikator für den Zustand unserer Volkswirtschaft schlechthin gelten. Sie funktionieren dabei wie eine Art „umgekehrtes Fieberthermometer“: Niedrigere Raten zeigen, dass es der Wirtschaft schlechter geht. Weil aufgrund des linearen Wachstums die Wachstumsraten immer weiter gesunken sind, scheint es daher langfristig betrachtet immer schlechter um unsere wirtschaftliche Dynamik bestellt zu sein. Diese Logik würde aber nur in einer Welt stimmen, in der exponentielles Wachstum tatsächlich der ökonomische Normalfall ist. Dann hätten wir auch die Chance, etwa mittels entsprechender Reformen bessere Wachstumsbedingungen zu schaffen und so zurück zu den rechnerisch höheren Zuwachsraten der Vergangenheit zu kommen. Und in einer Welt ohne exponentielles Wachstum?

KB: Hat es zu einer Politik geführt, die für viele Menschen immer neue Nachteile gebracht hat. Eine gesunde Wirtschaft gilt – berechtigter Weise – als Voraussetzung für erfolgreiches politisches Gestalten. Unabhängig davon, welche Parteien daher die Regierung gestellt haben, alle sahen sich angesichts der sinkenden Zuwachsraten unter Druck gesetzt, eine Wirtschafts- und Sozialpolitik zu betreiben, die bessere Wachstumsbedingungen schafft. Das hat über Jahrzehnte hinweg eine Politik begünstigt, die in die immer gleiche Richtung ging und die mit teils starken sozialen Einschnitten verbunden gewesen ist. Die Botschaft von Kohl über Schröder bis Merkel war dabei immer die gleiche: Wir müssen Euch leider heute etwas zumuten, aber wir tun das, damit es morgen allen besser geht. Wenn das alles stimmt, dann sind die Konsequenzen tatsächlich weitreichend. Trotzdem spielt es in der öffentlichen Debatte bislang überhaupt keine Rolle. Soll das heißen, dass Sie die Einzigen sind, die den „exponentiellen Irrtum“ bemerkt haben? KH: Schon in den 1990er Jahren haben erste Wissenschaftler darauf hingewiesen, dass moderne Volkswirtschaften typischerweise einer anderen Wachstumsdynamik folgen als gemeinhin angenommen wird. Zuletzt hat diese Tatsache sogar, wenn auch nur am Rande, Eingang in den Abschlussbericht einer Enquetekommission des Bundestags zum Thema Wachstum gefunden. Was wir mit unserem Buch „Die Scheinkrise“ in dieser Form erstmals gemacht haben, ist, diese Fehlannahme in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Denn gerade der fehlende Kontext könnte der Grund dafür sein, dass der lineare Wachstumstrend und seine Konsequenzen der breiten Öffentlichkeit bislang unbekannt sind. Die Information, dass moderne Ökonomien typischerweise einem höchst stabilen linearen Wachstumstrend folgen, mag zwar interessant sein, für sich genommen ist eine solche rein empirische Feststellung aber höchstens eine Randnotiz wert. Eine wirkliche Bedeutung bekommt sie erst durch die Einsicht, wie sehr der lineare Trend impliziten Zielvorstellungen zuwiderläuft, über deren Erreichen wir Stabilität, Sicherheit und Erfolg definieren. Und erst wenn klar wird, auf wie vielen Ebenen und in welchem Ausmaß das fortgesetzte Verfehlen dieser Zielvorstellungen das ökonomische Denken und politische Handeln unserer auf exponentielles Wachstum ausgerichteten Gesellschaft beeinflusst, erschließt sich die ganze Tragweite. Was sollte Ihrer Ansicht denn passieren? Haben Sie Rezepte für die Politik, was sie tun soll? Über den Autor Kay Bourcarde („Die Rentenkrise: Sündenbock Demographie“) leitet das Referat für Beschäftigungspolitik, Fachkräftesicherung, Jugendarbeitsmarktpolitik und Arbeitsmigration im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz. Über den Autor Karsten Herzmann ist Verwaltungsrichter in Gießen und war Vertreter des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Geschichte des europäischen öffentlichen Rechts und Verwaltungswissenschaften in Osnabrück. Gemeinsam mit Kay Bourcarde gründete er 2003 das Institut für Wachstumsstudien. KB: Wir wollen zunächst einmal dazu beitragen, dass der exponentielle Irrtum bekannt wird. Das könnte nämlich dazu führen, dass wir mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein über die großen Herausforderungen diskutieren, vor denen wir stehen. Im Ausblick unseres Buches formulieren wir es so: Das Scheitern hört auf, das Gestalten fängt an. Oder positiv gewendet: Wir können uns wieder erlauben, in Visionen zu denken und für diese zu streiten. ó (gekürzt, komplettes Interview auf pt-magazin.de) 45 PT-MAGAZIN 4/2019 Wirtschaft sparkasse-tauberfranken.de Fortschritt ist einfach. Weil unsere Experten Ihr Unternehmen mit der richtigen Finanzierung voranbringen.

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