Aufrufe
vor 4 Jahren

P.T. MAGAZIN 02/2015

  • Text
  • Stiftung
  • Reifepruefung
  • Ausbildung
  • Schule
  • Unternehmen
  • Stadt
  • Magazin
  • Wirtschaft
  • Deutschen
  • Deutschland
  • Deutsche
  • Passwort
  • Zeit
  • Leipzig
Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Bild: rasstock /

Bild: rasstock / fotolia.com Anteil der Befragten Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Aufgabe im Bildungssystem? Quelle: Bertelsmann Stiftung; Roland Berger; Bild; Hürriyet; Grafik: J. Schulz / OPS Netzwerk GmbH Gesellschaft 10 Am 10. Januar 2015 schickte die 17-jährige Naina K. aus Köln via Twitter eine wohldosierte Portion Schulfrust in die Welt: Ironisch, zugespitzt und auch ein bisschen banal liest sich der Tweet ganz so, wie man es von den Digital Natives der Generation Y erwartet. Nur: Während Wilhelm vom Humboldt als Pate neuhumanistischer Bildung angesichts solcher Zeilen vor lauter scholastischer Freude nicht mehr in den Schlaf gefunden hätte, entfacht sich über Nacht eine deutschlandweite Debatte über Schullehrpläne, Bildungsziele und die Institution „Schule“ selbst. Innerhalb weniger Tage hatte die Schülerin über 15.000 Follower hinzugewonnen, die Nachricht wurde über 16.000-mal weitergeleitet und über 30.000-mal favorisiert. Diese – für einen deutschen Tweet galaktischen – Interaktionswerte verdeutlichen nicht nur, welchen Reizwert das Thema Schule quer durch alle Gesellschaftsschichten besitzt, sondern auch, wie weidwund Die Reifeprüfung Oder: Wieviel Verbraucherzentrale verträgt die Schule? sich das deutsche Bildungssystem über die Jahre gesessen hat. Denn im Kern stellt Nainas Tweet auch die Frage: Was muss Bildung eigentlich leisten? Edle Einfalt, Stille Größe Bildung, um noch einmal Humboldt zu bemühen, wurde im deutschen Sprachraum an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert erstmals als Ideal formuliert, unter dem man die ganzheitliche Ausbildung der Künste (im Sinne von Wissenschaft) verstand. Dieses auf Allgemeinbildung zielende Ideal wurde vor dem Hintergrund eines erstarkenden Bürgertums zur Forderung an die Gesellschaft. Schüler sollten nicht vordergründig zur praktisch-beruflichen Brauchbarkeit erzogen werden, sondern die harmonische Entfaltung eines selbstständigen, selbsttätigen und selbstverantwortlichen Individuums rückte in den Mittelpunkt. Dieses Bildungskonzept war ein äußerst liberales, das bewusst Vorteile aufgrund von Standeszugehörigkeiten ausschloss. Im 19. Jahrhundert definierte sich die deutsche Kulturnation dann geradezu über Bildung – auch um sich dadurch von anderen europäischen Nationen wie England und Frankreich abzugrenzen. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts galt „Bildung“ als wertvoll, human und erstrebenswert, „Zivilisation“ und „Demokratie“ hingegen als Ausdruck berechnenden Krämergeistes. Insofern gehört der Bildungsbegriff zu den Schlüsselworten der deutschen Geschichte – und zwar auch als ein Begriff, der sich im Laufe der Zeit ändert, anpasst und damit immer auch Ausdruck der aktuellen Lebensbedingungen, der zur Verfügung stehenden Bildungsmöglichkeiten und des sozialen und kulturellen Kontexts einer Gesellschaft ist. Während bspw. der Lateinunterricht unter dem Einfluss Humboldts (und der Idealisierung der griechischen und römischen Gesellschaft) bis ins 19. Jahrhundert die aktive Sprachbeherrschung als Ziel formulierte, konzentrierte man sich spätestens mit der Abschaffung des lateinischer Abituraufsatzes im Jahr 1925 und unter zunehmenden Einfluss der Reformpädagogik auf das Übersetzen lateinischer Texte ins Deutsche. Heutzutage fristet Latein sein Nischendasein überwiegend in Sprach-AGs und Volkshochschulkursen. „Zu Recht!“ würde Naina an dieser Stelle wahrscheinlich twittern und sich auf die nächste Stunde „Steuerrecht“ freuen. Und tatsächlich scheint Latein weder im „Leben nach der Schule“ noch auf dem Arbeitsmarkt sonderlich hilfreich zu sein. Denn eine zweckfreie Bildung, das darf als sicher gelten, wird den Forderungen des 21. Jahrhunderts nach Flexibilität, Individualisierung und Innovation kaum gerecht. Die Ökonomisierung des Wissens Im Grunde kommen sowohl Naina als auch die sich durch ihren Tweet ange- P.T. MAGAZIN 2/2015 P.T. MAGAZIN 2/2015 griffen fühlenden Pädagogen, Politiker, Bildungsbeauftragten und Journalisten ein ganzes Stück zu spät. Seit Jahren ist der Bildungsdiskurs von Ökonomisierungsbestrebungen und Rankings getrieben, Leistungsvergleiche wie PISA versuchen den Wert der Bildung mehr und mehr messbar zu machen, maschinenlesbare Multiple Choice-Tests haben das eigene Formulieren und Reflektieren von Antworten obsolet gemacht und im Hochschulwesen hat der Bologna- Prozess die akademische Ausbildung zum verschulten Bachelor-Brutschrank ökonomisiert. Zu allem Überfluss wird in der Wissensvermittlung nach wie vor ein Fachwissen hochgehalten, das in vielen Fällen die Fachwissenschaften und nicht die lebensweltlichen und späteren beruflich notwendigen Kompetenzen fachübergreifend berücksichtigt. An humanistischer Bildung ist der deutsche Schulalltag jedenfalls schon längst nicht mehr orientiert; er gleicht auf der einen Seite eher einem (auch von Eltern) rück- Dass auch sozial Benachteiligte in unserer Gesellschaft aufsteigen können sichtslos geführten Wettbewerb nach möglichst arbeitsmarkttauglichen Zertifikaten, Zeugnissen und Zensuren, auf der anderen Seite einer herrenlosen, fröhlich vor sich hin Aldous Huxley ratternden Fließbandproduktion von Dequalifizierten bzw. Schülern ohne qualifizierte Schulabschlüsse. Jedem fünften (!) deutschen Schüler mangelt es laut jüngstem PISA-Test an elementaren Fähigkeiten Dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich besser werden „Kluge Menschen suchen sich die Erfahrungen selbst aus, die sie zu machen wünschen.“ Dass die Zahl der Schulabbrecher verringert wird Dass besonders begabte Schüler ihre besten Leistungen erreichen zur Problemlösung und an vorausschauendem Denken. Diese Eigenschaften werden wohl kaum von einem Unterricht abgefangen werden, der erklärt, wie eine Berufsunfähigkeitsversicherung funktioniert. Daher scheint die Frage, wie man überhaupt erst einmal ein gerechtes und Bildung produzierendes Schulsystem realisiert fast dringender als die Überlegung, ob und wie man mehr Steuererklärung und Mietrecht im Unterricht unterbringen soll. Mehr Alltag in die Köpfe? Denkt man Nainas Forderung zu Ende, sollten deutsche Schulen am besten nur noch praktische Lebenshilfe und reine Verbraucherbildung vermitteln. Das wäre ein reichlich gewagtes Manöver, denn Schule kann gar nicht auf jede denkbare Lebenssituation vorbereiten. Dirk Loerwald, Professor für ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg, nennt in der FAZ das schöne Beispiel Miete: „Wenn man einen Mietvertrag abschließt, kann viel passieren. Schule kann nicht auf jede Eventualität vorbereiten; das lernt man über Erfahrung oder durch Gespräche mit anderen. Ein grundlegendes Wissen über Verträge gehört allerdings zur Allgemeinbildung: Inwieweit Verträge durch- Dass Einwanderkinder stärker gefördert setzbar sind werden und dass man beim Abschluss achtsam sein sollte, dann lernen Schüler auch, vorsichtig zu sein“. Genauso wenig hilft es Schülern, wenn sie zu Investment- oder Versicherungsexperten (aus)gebildet werden. Dass sie wissen sollten, dass es Chancen und Risiken beim Versicherungsabschluss oder der Geldanlage gibt, hingegen schon. Nur: Ein Schulfach, das sich an diesen Themen abarbeitet, gibt es schon längst. Es nennt sich Gemeinschaftskunde (oder, je nach Bundesland, auch Politik, Rechtserziehung, Wirtschaft) und gehört in vielen Bundesländern zum Fächerkanon, von der Förderschule bis zum Gymnasium. Auch Dorothea Schäfer, die nordrhein-westfälische Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft (GEW), wägt ab: Zwar würden an Gymnasien weniger praktische Dinge unterrichtet als an anderen Schultypen, doch „gerade in der Oberstufe lernen Schüler aber, wie sie sich selbst Informationen beschaffen können – vor allem in Zeiten des Internets“. Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, sieht auch die Eltern in der Pflicht: „Ein gewisses Maß an Alltagstauglichkeit muss in der Familie vermittelt werden“. Ohnehin darf gelten (und an dieser Stelle kann jeder kurz seine eigene Biografie durchleuchten): Praktisches lernt man in der Praxis. Man lernt lebensweltliche Dinge dann, wenn man sie braucht. Wie man einen Reifen wechselt, wie man ein Spiegelei brät, dass eine Haftpflichtversicherung sinnvoll sein kann, wo man die Mikrowelle entsorgt oder wie man möglichst gerade ein Loch in die Wand bohrt, all das sind Dinge, für die Eltern, Dass mehr Schüler studieren Die Grafik zeigt das Ergebnis einer Umfrage zu den wichtigsten Aufgaben im Bildungssystem.

Jahrgänge

PT-Magazin 01 2019
PT-Magazin 02 2019, Erfolg, Experten
PT-Magazin 03 2019
PT-Magazin 04 2019
PT-Magazin 06 2018
PT-Magazin 05 2018
PT-Magazi 04 2018
PT-Magazin 03 2018
PT-Magazin 02 2018
PT-Magazin 01 2018
PT-Magazin 06-2017
PT-Magazin_05_2017
PT-Magazin_04_2017
PT-Magazin_03_2017
PT-Magazin_02_2017
PT-Magazin_02_2017_Regional
PT-Magazin_01_2017
PT-Magazin_06_2016
PT-Magazin_5_2016
PT-Magazin_4_2016_komplett
PT-Magazin_4_2016_regional
PT-Magazin_03_2016_Komplett
Magazin_03_2016_Regional
PT-Magazin_02_2016_Komplett
PT-Magazin 01_2016_Immer wieder Neues wagen
PT-Magazin_06_2015
PT-Magazin_06_2015_regional
Pt-Magazin_5_2015_regional_OPS Netzwerk.pdf
P.T.MAGAZIN 03/2015
P.T. MAGAZIN 02/2015 - Regional
P.T. MAGAZIN 02/2015
P.T. MAGAZIN 01/2015
P.T. MAGAZIN 06/2014
P.T. MAGAZIN 05/2014
P.T. MAGAZIN 04/2014
P.T. MAGAZIN 03/2014
P.T. MAGAZIN 01/2014
P.T. MAGAZIN 06/2013
P.T. MAGAZIN 05/2013
P. T. MAGAZIN 04/2013
P.T. MAGAZIN 03/2013
P.T. MAGAZIN 02/2013
P.T. MAGAZIN 01/2013
P.T. MAGAZIN 01/2011
P.T. MAGAZIN 02/2011
P.T. MAGAZIN 03/2011
P.T. MAGAZIN 04/2011
P.T. MAGAZIN 05/2011
P.T. MAGAZIN 06/2011
P.T. MAGAZIN 06/2012
P.T. MAGAZIN 05/2012
P.T. MAGAZIN 04/2012
P.T. MAGAZIN 03/2012
P.T. MAGAZIN 02/2012
P.T. MAGAZIN 01/2012

Anzeigenformate, Hinweise und AGB

Anzeigenformate 2019
Anzeigenpreisliste 2019
Anzeigenpreisliste - Regional 2019
Anzeigenpreisliste Special-Partner 2019
Anzeigenpreisliste - Regional - Special-Partner 2019
technische Angaben_Druckvorlagen 2019
Kurzporträt 2019
Online Mediadaten 2019
Online Mediadaten Special-Partner 2019