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P.T. MAGAZIN 02/2013

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Seit 1908 steht im

Seit 1908 steht im Frankfurter Palmengarten ein Denkmal für „Frau Aja“ (Foto: wikimedia/cc-3.0/A.Praefcke) Gesellschaft Catherine Deneuve auf der Berlinale 2013: "Glück ist kein Dauerzustand. Wenn man immer glücklich wäre, könnte man das Glück nicht wirklich schätzen." Glücklich trotz Armut? Zwei Kinder vor dem königlichen Palast von Thimphu/Bhutan (Foto: wikimedia/cc3.0/Siebbi) (Foto: wikimedia/cc2.0/Steve Evans) Quote machen. Takt ist „out“. Taktlosigkeit, Erniedrigung und Beschämung wie im Grimme-Preis-verdächtigen Dschungelcamp sind „in“. „Dann wird die Masse mit reichlich Liebe übergossen. Das fertige Gericht schmücke man dann mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten und serviere es täglich mit Heiterkeit.“ Entdeckte Frau Aja das Erfolgsgeheimnis der Volksmusik in der deutschen TV-Unterhaltung? Wird dort ein ungestilltes Bedürfnis nach reichlich Liebe, Aufmerksamkeiten und Heiterkeit befriedigt? Shows und Showmaster haben seit Frank Elstner in den 1980ern bis zu Cindy aus Marzahn heute eine Entwicklung genommen, die von vielem geprägt ist, aber kaum von Liebe und Heiterkeit. Was ist Glück? Wie entsteht es? Wie wird es gesichert? Wissen wir, wie wir leben wollen – heute und morgen? Sind wir uns da einig? Wie stellen wir das fest? Wie stellen wir das her? „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“ schleuderte Bertold Brecht einst denen entgegen, die vom hohen Ross materiellen Wohlstands Moral predigen wollten. Guerillamarketing aus Bhutan Der König von Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, ging einen anderen Weg. Bhutan, in den Bergen des Himalaya zwischen China und Indien gelegen, ist größer als Nordrhein-Westfalen, hat aber weniger Einwohner als das Saarland und ist eines der ärmsten Länder der Welt. Zwei Drittel des Staatshaushalts des Bergstaats finanziert daher Indien. Die Frage eines indischen Journalisten zum weltweit niedrigsten Bruttoinlandsprodukt (BIP) „nervte“ 1979 den König so sehr, dass er einen Ausweg ersann. Er fühle sich einer Wirtschaftsentwicklung verpflichtet, die Bhutans einzigartiger Kultur und ihren buddhistischen Werten gerecht werde. Er denke nicht in Kategorien der Produktion, sondern in denen des Glücks – des Bruttonationalglücks. Eine Staatskommission wurde berufen. „Die vier Säulen des Bruttonationalglücks sind die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, Bewahrung und Förderung kultureller Werte, Schutz der Umwelt und gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.“ schallte es fortan aus dem Himalaya über die Welt. Das war Guerillamarketing erster Klasse. Der Kunstbegriff – und mit ihm immer wieder Bhutan – sickerten innerhalb von nur 20 Jahren über andere Dritte-Welt- Länder wie Ecuador und Bolivien unaufhaltsam durch die ganze westliche Welt. Yoga, Karate und Ayurveda hatten dafür Jahrhunderte gebraucht. 1996 erreichte das Thema die Wissenschaft. Ruut Veenhoven publizierte über Happy Life-Expectancy. 2007 stellte die 1986 als Alternative zu den G7 gegründete New Economic Foundation in London ihren “Happy Planet Index“ vor. 2008 zog Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy nach und berief eine Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, der nicht weniger als fünf Nobelpreisträger angehörten. Dieses nach ihren Leitern auch Stiglitz- Sen-Fitoussi-Kommission genannte Gremium sollte eine Alternative zum BIP erstellen und das gegenwärtige „Wohlergehen“ eines Landes berücksichtigen. Dürfen Wissenschaftler gut bezahlt im Staatsauftrag denken, dann sind sie nicht zu bremsen. Etwas lässt sich immer als Neu deklarieren. Also zitiert die Süddeutsche Zeitung 2009 unter dem Titel „Weg mit dem BIP“ den amerikanischen Nobelpreisträger und Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz: „Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht an sich falsch, aber es kann falsch angewandt werden.“ Hallo? Für diesen Allgemeinplatz braucht es doch keine Nobelpreisträgerkommission! Auch Mikrowellen, Biokraftstoff, Chemielaboratorien, Operationssäle und Tanga-Slips sind nicht an sich falsch, aber können alle „falsch angewandt“ werden. Oder heißt es vielleicht nächstens „Weg mit den Labors“ oder „Zurück zum Liebestöter“? Doch Wangchucks Guerillataktik rollte unaufhaltsam. Nur ein einziges weiteres Jahr Diskussionszeit brauchten Deutschlands Medien und Parlamentarier. Am 1. Dezember 2010 beschloss der 17. Bundestag nach bhutanischem Vorbild die Einsetzung einer Enquete- Kommission, um eine neue „Messzahl für Wohlstand und Fortschritt“ zu suchen, „jenseits der Wachstumsfixierung“ des Bruttosozialprodukts. Insgesamt 17 Abgeordnete aller Fraktionen und 17 Experten beraten seitdem in fünf Projektgruppen. Nun ist Nachdenken grundsätzlich nichts Schlechtes, Nachdenken über Glück und Wohlfahrt erst recht nicht. Aber davon allein entsteht noch lange nichts Neues, Gutes, Unverzichtbares. Am 28. Januar 2013 lästert auf www.bundestag.de ein Kommentator über die dort verfilmte 27. Sitzung: „Liebe Kommission. Ich fürchte, es ist nun doch das heraus gekommen, was alle prophezeit haben: nichts. Ihr Indikatorenbündel ist ein willkürliches Potpourri ohne System. Mit Lebensqualität hat vieles nur bedingt oder überhaupt nichts zu tun. Ist jene Gesellschaft gut dran, in der jeder in Pflegestufe 3 ein biblisches Alter erreicht? Geht es den Menschen schlechter, wenn es eine Anemonenart weniger gibt? Nach welcher Regel oder Logik wurden denn genau diese 10 Indikatoren ausgewählt? Mein Fazit: Steuerverschwendung auf ganz hohem Niveau.“ Mit Demokratie hat das Königreich Bhutan noch nicht viel am Hut. Der Buddhismus herrscht als Staatsreligion. Bis 2005 waren politische Parteien verboten. Die Rechtssprechung gründet nicht auf Gesetzen, sondern auf „Richterspruch“. Ein (Staats)Fernsehen gibt es erst seit 1999. Das Rauchen wurde 2004 verboten und wird seit 2011 mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Die Hauptstadt Thimphu, mit etwa 80.000 Einwohnern so groß wie das hessische Marburg, hat keine Verkehrsampel, denn Autos gibt es kaum. Auch Radfahren ist innerhalb der Stadt verboten. Da sich die wenigen Menschen trotz der riesigen Flächen nicht selber ernähren können, muss die Regierung Reis importieren. Obwohl das BIP Bhutans je Einwohner nur 1/19 des deutschen BIPs ausmacht und bei diesem Wert stagniert, hat das Königreich ein „nicht wachstumsorientiertes“ Wirtschaftsmodell in der Verfassung verankert. Ausgerechnet dieses Bhutan hat es geschafft, die internationale demokratische Gemeinschaft davon zu überzeugen, auf dem falschen Weg zu sein. Eine stolze Leistung! „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die Lebenslüge, und Sie nehmen ihm zu gleicher Zeit das Glück.“, schrieb Henrik Ibsen eine Generation nach Goethe. Søren Kierkegaard ergänzte: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Offenbar findet es der Kommentator der Bundestagssitzung keineswegs so furchtbar auf dieser Welt, dass er von Abgeordneten mit Enquete-Kommissionen, Experten mit Expertisen und Ministerien mit Erlässen davor bewahrt werden will. Vielleicht ist er schon etwas älter und erinnert sich an deutlich schwerere Zeiten. Good news über technische Entwicklungen Während vor 100 Jahren bereits ein Fahrrad eine Sensation war, hat heute jeder Student ein Auto oder fliegt mit größter Selbstverständlichkeit zwischen der Hochschule in Berlin und dem Wohnort München hin und her. Vor 100 Jahren gab es überhaupt noch keine planmäßigen Luftverkehrsdienste mit Flugzeugen. Die entstanden erst 1919! Da war der neue für ganz Deutschland gültige Führerschein gerade zehn Jahre alt. Der Begriff „Führerschein“ erscheint zum ersten Mal am 3. Mai 1909 im Reichsgesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen. Erst in der Folge einer großen Industrialisierung verdrängte das Automobil schließlich die bis dahin selbstverständlichen Pferdewagen. Der erste Stromtarif mit einer Grundgebühr nach Zahl der Zimmer wurde 1912 in Potsdam eingeführt. Davor gab es nur Petroleumlampen und Kerzen. Riesige positive Umwälzungen wurden durch die flächendeckende Bereitstellung elektrischer Energie in Verbindung mit 8 P.T. MAGAZIN 2/2013 2/2013 P.T. MAGAZIN 9

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