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P.T. MAGAZIN 02/2011

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Gesellschaft aber auch

Gesellschaft aber auch erhellend: Die Juden wurden von den Antisemiten aus der Bürgergesellschaft ausgegrenzt, von den Nazis um alle Rechte gebracht und ermordet. Die Muslime dagegen werden gedrängt, die bürgerlichen Rechte – bitte, bitte! – anzunehmen, und die bürgerlichen Pflichten – bitte, bitte! – zu befolgen. Die freieste deutsche Gesellschaft, die es je gab, würde sie ihnen nur allzu gern gewähren: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, vor allem Gleichberechtigung für ihre Frauen – und für ihre Jugend Koedukation statt Koran, Schulbildung statt Scharia. Ausnahmen für Einwanderer Die Befreiung von den Fesseln ihrer eigenen Religionskultur ist das große Problem allzu vieler muslimischer Migranten. Sie ist ihre Bringschuld gegenüber der deutschen Bürgerschaft. Wie soll ein braver, kleiner deutscher Demokrat die Verweigerung von Freiheit, von Gleichberechtigung, von Emanzipation begreifen? Die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik haben gelernt, dass das Grundgesetz die höchsten Werte europäischer Kultur ver körpert. Die Aufklärung! Die Menschenrechte! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Haben die Spießer nicht von Politikern und Publizisten eingebläut bekommen, dass Deutschland nie mehr von diesen Werten lassen darf? Verfassungspatrioten sollen sie sein – auf alle Zeit. Nur: Muss das nicht auch für Einwanderer gelten? Und zwar vom ersten Tag an? Doch man gewährt stillschweigend Ausnahmen: Kopftuchausnahmen, Burkaausnahmen, Zwangsverheiratungsausnahmen, Züchtigungsausnahmen, Frauenunterdrückungsausnahmen. Für Deutsche: Würstchen mit Senf „Die Menschen draußen im Lande“ debattieren Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble ließ sich – natürlich im Geis te des Grundgesetzes – dazu herbei, über Ausnahmen in einer fest installierten Islamkonferenz zu diskutieren. Die islamischen Verbände verhandelten auf Augenhöhe mit der Bundesregierung! Wann wäre den ganz gewöhnlich tüchtigen Deutschen je so viel Aufmerksamkeit widerfahren? Den ganz gewöhnlich tüchtigen türkischen Deutschen? Den ganz gewöhnlich tüchtigen persischen Deutschen? Arabischen Deutschen? Indischen oder pakistanischen Deutschen? Oder den überaus tüchtigen fernöstlichen Migranten? Wann wurden die Menschen, die das Land still und willig voranbringen, jemals zu solchen Ehren erhoben? Für sie gibt es den Tag der offenen Tür im Kanzleramt. Mit Würstchen. Und Senf. Der neue Innenminister Thomas de Maizière verstieg sich gar zu dem Bekenntnis: „Der Islam ist uns willkommen.“ Nicht die Muslime, nicht die Menschen hieß er willkommen. Nein, die Religion – mitsamt ihrem demokratiefremden Gesetzeskanon aus Koran, Scharia und Überlieferungen. Das Buch des Ketzers Wie aber reden und schreiben Politiker und Publizisten über das Volk, das sich plötzlich so aufsässig bemerkbar macht? Sie nennen es „die Menschen draußen im Lande“. Wir drinnen, ihr draußen, fern von uns, dort, wo unsere Weisheit leider nicht immer ankommt – und wenn sie denn trotzdem ankommt, nicht verstanden wird! Dieses ferne Volk ist derzeit offenbar nicht ganz bei Trost, wie der SPIEGEL gleich auf dem Titelbild seiner Sarrazin- Nummer klarmachte: „Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen“. Verfallen! Wie die Kinder von Hameln dem Rattenfänger. Auch eine Karikatur mit diesem Sujet war in Sachen Sarrazin bereits zu sehen. Um mündige Bürger, die sich ihre eigene Meinung zu bilden imstande sind, kann es sich bei seinen Anhängern jedenfalls kaum handeln. Darum wird jetzt auch gewarnt davor, das Buch des Ketzers überhaupt zu diskutieren. Der Pöbel diskutiert – das ist der Gipfel! Im „Stern“ kam Hans-Ulrich Jörges, wendiger Wöchner des Berliner Kreißsaals, mit folgendem Satz nieder: „Der Fall Sarrazin ist der größte mediale Kollateralschaden, an den ich mich erinnern kann.“ Wäre es nach ihm gegangen, hätte es in BILD und SPIEGEL keinen Vorabdruck der Sarrazin-Thesen gegeben, keinen „wahnhaften Hype“. Am besten hätte man das Sudelbuch gar nicht erst erwähnt, allenfalls zur Besänftigung des Publikums. In der ZEIT rechtfertigte sich Chefredakteur Giovanni di Lorenzo dafür, „Thilo Sarrazin und seinem Buch einen Gefallen“ getan zu haben, indem man dessen Thesen diskutierte. Doch was nicht geschehen durfte, ist nun passiert. Deutschland debattiert. Und zwar nicht, wie gewöhnlich, die selbsternannte Elite unter sich und ganz hoch droben, sondern die Bürgerinnen und Bürger ganz tief unten. Der Pöbel diskutiert. Das ist der Gipfel! Hüter der Kultur? Wer aber wäre nun gefordert, den Menschen eine Antwort zu erteilen, die da so plötzlich, so ungeplant und so unbotmäßig auf den Plan getreten sind? Die (Foto: © Roland-Peter/PIXELIO) 10 P.T. MAGAZIN 2/2011

Gesellschaft Sozialdemokraten! Ehedem politischer Arm der Arbeiterbewegung, heute bürgerlich arriviert, wären sie die klassischen Hüter der demokratischen Kultur. Traditionell richten sie sich gegen das „Laisser-faire“. Dem engagierten Sozialdemokraten und linken Bürger war einst die strenge Lebensregel heilig: acht Stunden arbeiten, acht Stunden lesen, acht Stunden schlafen. Die alte sozialdemokratische Strenge steckt noch immer in vielen Bürgerköpfen. Auch eine weitere spießige Lebenslosung hat in diesem Milieu ihre Gültigkeit bewahrt: „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“ Kulturrelativisten! Wer seinen Alltag so sehr auf Tüchtigkeit baut, in dessen Ohren klingt es seltsam, wenn er von seinen Politikern hört: „Die Migranten bereichern uns.“ Mit diesem putzigen Klischee verweigerte sich die demokratische Linke in nahezu allen westeuropäischen Ländern ihrer aufklärerischen Pflicht: aus Drittweltromantik, aus elitärer Lust am pittoresken Multikulti, aus paternalistisch motivierter Fürsorge für die armen Ausgebeuteten. Aus scheinbar moralisch allerbesten Gründen gab man sich dem Kulturrelativismus hin. Menschenrechte erschienen zunehmend als eurozentrisch, also kolonialistisch und imperialistisch. Es galt: andere Kulturen, andere Sitten. Die Frauenunterdrückung durch den archaisch belasteten Islam – Ausdruck anderer Kultur. Die Apartheid für Hunderte Millionen Musliminnen in aller Welt – Ausdruck anderer Sitten. Voltaire wird geopfert (Foto: © Rolf van Melis/PIXELIO) Der linke Blick in die weite Welt blieb verklärt an Figuren haften, die mit Revolution viel, mit Freiheit dagegen nichts am Hut hatten. Der südamerikanische Linkspopulist Chávez umarmt den iranischen Holocaust-Leugner Ahmadinedschad – und kein Linker oder Grüner regt sich darüber auf. Im Iran soll eine Frau wegen Mord an ihrem Ehemann gesteinigt werden, neuerdings nur noch erhängt; vorher aber erhält sie 99 Peitschenhiebe, weil eine englische Zeitung sie angeblich ohne Kopftuch abgebildet hat. Protestdemonstrationen vor den iranischen Botschaften Europas? Keine Spur: In Berlin und Potsdam demonstriert die Linke gegen Sarrazin. In Genf gelang es Tariq Ramadan, Star der europäischen Muslimszene und Liebling linker Kulturrelativisten, die Aufführung eines Stücks von Voltaire wegen angeblicher Islamfeindlichkeit zu verhindern – unter den wohlwollenden Blicken von Sozialdemokraten und Liberalen. Des Abendlandes radikalster Aufklärer fällt islamis tischem Obskurantismus zum Opfer – ohne Widerstand der „Kulturlinken“. „Islamophobie“ Die Burka? Wird doch freiwillig getragen, ja geradezu als Symbol der Religionsfreiheit. Wer sich über eine derart krude Logik empört, wird aus der links-grünen Ecke der „Islamophobie“ bezichtigt, der nur noch psychiatrisch beizukommen sei. Wer Mädchen von der Kopftuchpflicht befreien möchte, gilt schlicht als intolerant. Das linksintellektuelle Milieu duldet Reservate für religiös-autoritäre Riten und Regeln des Migrantenislam. In Anne Wills sonntäglicher TV-Talk- Kulisse steht unterhalb des Podiums ein Sofa, weggerückt von der hochmögenden Gästerunde, extra hingestellt für den einfachen Bürger, mit dem die Salondame jeweils huldvoll-mitfühlend einige Worte wechselt. Dann richtet sie ihr bezauberndes Lächeln an die Causeure der Berliner Republik – die Gesellschaft von Politik und Publizistik ist wieder in Ordnung, weil geschlossen wie eh und je. Der „Spießer “ mischt sich ein Diese Herabstufung, bei Anne Will nur besonders augenfällig zelebriert, will sich der Bürger, will sich die Bürgerin nicht länger gefallen lassen. Sie mischen sich ein. Sie setzen den Fuß in die Tür. „Die Menschen draußen im Land“, sie wollen rein. Es könnte passieren, dass sich die Kanzlerin eines nahen Tages in den Fond ihres Dienstwagens sinken lässt – und jäh gewahr wird: Da sitzt ja schon einer auf dem Nebensitz. Wer da sitzt? Nicht Ackermann, nicht Großmann, was eine freudige Überraschung wäre. Nein, es sitzt da ein ganz gewöhnlicher, tüchtiger, spießiger Mensch aus dem Volk. ■ Frank A. Meyer Dieser Artikel erschien ungekürzt zuerst in Cicero/Oktober 2010 Über den Autor ■ Frank A. Meyer ist ein Schweizer Journalist ■ seit 1972 journalistische Tätigkeit für das Medienhaus Ringier ■ 1980 Co-Chefredaktor der „Woche“ ■ 1989 Lehrbeauftragter für Medienwirtschaft an der Universität St. Gallen ■ schreibt für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften, u. a. für die Zürcher Woche, die Basler Zeitung, das Ringier- Magazin Cicero und den Sonntagsblick 2/2011 P.T. MAGAZIN 11

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