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P.T. MAGAZIN 01/2014

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Magazin für Wirtschaft und Gesellschaft. Offizielles Informationsmagazin des Wettbewerbs "Großer Preis des Mittelstandes" der Oskar-Patzelt-Stiftung

Gesellschaft 20 hält.

Gesellschaft 20 hält. Was ich nicht sehen kann, ist, dass mein Peiniger seine Angehörigen entlässt, um die Fahrt mit mir allein fortzusetzen. Für Frau und Kinder schien Papas Umgang mit einem wildfremden Ausländer ganz normal zu sein. Von irgendwoher erhalte ich einen seichten Stoß, als ich laut zu sprechen anfange und mich durch Bewegung zu entkrampfen suche. Als Antwort fühle ich, wie von oben Sitzpolster auf meinen Körper gedrückt werden. Seltsam: Dabei habe ich gar nicht gehört, dass die Heckklappe von jemandem geöffnet worden wäre. Die Fahrt geht weiter. Ich fühle mich schon auf dem Wege in irgendwelche Nebenpfade der Berge des Anti-Libanon. Auf Monate in einem Keller gegen Lösegeld? Als Umschlagplatz für Drogen und Waffen ist diese Gegend ja berüchtigt. Die Gerüchte über monströsen Organhandel sind legendär. Der Staat hat hier nichts zu melden. Dass die mit alten Flinten bewaffneten Männer, die ich gestern entlang der Landstraßen zu Gesicht bekam, zu „der Mafia“ gehörten, ist ein offenes Geheimnis. Ebenso die Analyse, dass tatsächlich verschiedene Klans unabhängig voneinander wirtschaften – und die Hisbollah finanziell an einer Situation partizipiert, die sie ohnehin nicht ohne weiteres ändern könnte. Anders als noch in den 80er Jahren ist es nicht mehr die Schiiten-Miliz selbst, die westliche Ausländer verschleppt. Das macht die Sache nicht ungefährlicher – nur weniger durchschaubar. reiße ich mir vorsichtig die Plastiktüten vom Gesicht. Bevor ich mich umschauen kann, ist der muskulöse Arm des Fahrers bereits wie aus dem Nichts an meinem Körper. Erst jetzt bemerke ich: Seine Schrottkarre hat keine feste Abtrennung zwischen Fahrer- und Heckbereich. Mein Glück. Ich stoße die Sitzpolster beiseite und krabbele zu ihm ans Lenkrad. Es ist eine Spontanreaktion. Durchs offene Fenster brülle ich um Hilfe. Mit gewissen Erfolgsaussichten: Schließlich touren wir gerade mitten durch die Einkaufsstraße einer Kleinstadt. Typisch schiitische Moschee - hier Sayyida Khaula in Baalbek (Nordost-Libanon) Hilfsbereitschaft kennt Grenzen Der Entführer ist gezwungen zu bremsen, um mich auf den Beifahrersitz zu stoßen. Ohne weiter nachzudenken, krauche ich durch das andere, ebenfalls freie Fenster halb nach draußen – bis der Libanese mich von hinten packt und zurück zerrt. Mein Oberteil reißt ein. Selbst die Hose. Doch mein Ziel scheint erreicht: Eine Menschenmenge versammelt sich in einem guten Meter Abstand. Sie schauen mich an, als käme ich vom Mond. Niemand steht mir bei. Im Gegenteil. Einer hält mir seinen Revolver entgegen. Ein anderer schreit „Lügner“ auf den lauten Hinweis, ich sei deutscher Staatsbürger. Wenigstens ein Anzugträger scheint so geistesgegenwärtig, in ruhigem Englisch mit mir zu kommunizieren. In Windeseile wird meinem „Chauffeur wider Willen“ gedeutet, einem Korso moderner Geländewagen zu folgen. Einige Hundert Meter weiter kommen alle Fahrzeuge vor einer typisch schiitischen Moschee Bis es nicht mehr geht … Glücklich bin ich in jedem Falle darüber, das nötige Maß an Luft zu bekommen. Auf gar keinen Fall soll der Entführer auf die Idee kommen, die „Mundverschleierung“ noch zu verstärken. Und dennoch: Das Blut staut sich in meinen unterhalb der Wurzel verschnürten Händen. Drehbewegungen verschaffen Linderung. Und einen Ausweg: Die Plastikschnüre liegt nicht perfekt an. Nach einigem Hin und Her kann ich meine Klauen hinauswinden – und endlich wieder frei bewegen. Einen Moment lang verharre ich in der Fesselposition. Dann Sicherer Blick vom Libanongebirge: die Bekaa-Ebene P.T. MAGAZIN 1/2014

Über den Autor n Billy Six ist freier Journalist und Buchautor. Als Korrespondent ist er vor allem in Nahost unterwegs. In Syrien wurde er im Dezember 2012 von der Assad-Armee zusammen mit seinem Dolmetscher festgenommen und saß für zwei Monate in Haft. zum Stehen: Blaue Kacheln, vergoldete Kuppeln – und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Der Prunk ihrer Gebetshäuser, Heiligen-Bildnisse, Mystik, Traditionen und nicht zuletzt die theokratischen Hierarchien der Schiiten geben Anlass dazu, Alis Anhängerschaft mit den Katholiken im Christentum zu vergleichen. Die Sunniten müsste man in diesem gewagten Vergleich den Protestanten gegenüberstellen – sie bekunden, sich einzig auf die Schriften, Koran und „authentische Propheten-Überlieferungen“, für ihre religiöse Praxis zu beziehen. Religion – letztes Bollwerk gegen die Anarchie? Es sind ein Imam und mehrere gut gekleidete Hisbollah-Funktionäre, die mich nun retten werden. Für einige Minuten kriege ich erneut einen lästigen Plastikbeutel über den Kopf gesetzt. Dann beginnt das Palaver. Die Beteiligten werden sich einig: Ihr deutscher Fang ist weder Terrorist, noch israelischer Spion. Ich darf das Bad aufsuchen und bekomme eine Flasche Wasser zu trinken. Mein Peiniger hat sich längst von dannen gemacht – und 62 Dollar aus meinem Rucksack mitgehen lassen. Doch das wichtigste, der Fotoapparat, ist mir geblieben. Selbst das Bild, das ja Stein des Anstoßes gewesen war, wurde nicht gelöscht. „Alles in Ordnung. Habe keine Angst.“ Die schiitischen Funktionäre, Männer in gesetztem Alter, schmunzeln. Erst recht, als sie das Papier von Hassan, einem ihrer Bundesgenossen, in Augenschein nehmen. In zwei geräumigen Fahrzeugen bringen sie mich zurück nach Bodnayel. Unterwegs beichten sie: „Die Hisbollah ist gut. Wir sorgen für Sicherheit. Der Mann, der Dich mitnahm, hat überreagiert.“ Eine Entschuldigung klingt anders. Doch das ist noch das geringste Problem: Für Hassan, der mich gestern noch quasi adoptiert hatte, bin ich zum Belastungsfall geworden … als einer, der die Unzulänglichkeiten offenbart habe. „Das ist Bekaa – es kann jemand mein Auto klauen und mich anrufen, ich solle 1.000 Dollar zahlen – die Polizei wird mir sagen, mach´ das doch“, so Hassan über die Zustände in seiner Heimat. Die Hisbollah, 2006 sogar beständig im Krieg gegen Israel, habe „besseres zu tun“. Eine Diskussion darüber erübrigt sich. Der Einzelne hat keinen Wert Er fährt mich an die Grenze zum christlichen Konfessionsgebiet. „Pass auf, Billy“, sagt Hassan in ruhigem, beinahe fatalistischem Tonfall. „Du und ich – kein Problem. Ich habe gar nichts gegen Dich. Aber unsere Gesellschaft – Problem!“ Nun hoffe ich, wenigstens bei der Polizei Gerechtigkeit zu bekommen: Ein Protokoll, eine Ortsbesichtigung oder im besten Falle gar die Festnahme der Verantwortlichen im mir bekannten Kebab- Geschäft der Täter. Doch die Offiziere im maronitisch-katholischen Sahleh hören sich meine Geschichte nur freundlich an, um mich anschließend eine gute Stunde warten zu lassen. „Alles geregelt“, verkündet man schließlich müde lächelnd. „Was ist geregelt?“, möchte ich wissen. „Dein Fall. Du kannst zurück nach Beirut – und am besten raus aus Libanon“, so der Polizeichef. In die Angelegenheiten der Schiiten mischen sich die Wachtmeister nicht ein. Gesetz hin oder her. Zumal seit die Regierung Mikati im März 2013 abgetreten ist, die Parlamentswahlen aufs nächste Jahr vertagt wurden – und die Hisbollah, obwohl sie aufgrund ihres Beistands für Assads Armee auch an Ansehen in Arabien verloren hat, immer noch die stärkste Kraft im Lande bleibt. P.T. MAGAZIN 1/2014 Ablichten verboten: Panzer gehören zum Straßenbild. Das Fotografieren vom Militär ist dennoch nur möglich, wenn man etwas trickst. (Fotos:Billy Six) Mit den Verhältnissen im Einvernehmen Was das Fotografieren anbelangt, so habe ich jedenfalls dazugelernt: Um die Panzer abzulichten, welche unlängst aus taktischen Gründen geräumte Hisbollah- Posten in der Bekaa-Ebene eingenommen haben, kommt mir ein französischer Reisender gerade recht. Statt verbotenerweise das Militär zu knipsen, tue ich so, als würde ich ein Bild von ihm machen. Es klappt! Endlich gibt es mal keinen Ärger in einem Land, das in Zeiten des ausufernden Syrien-Krieges auf Messers Schneide steht. n Billy Six

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